Theater in der Kreide

 

Das semi-professionell arbeitende Ensemble um Regisseur Dr. Reinhard Stähling gehört seit 1998 der freien Theaterszene in Münster an. Als eine von vielen Gruppen gibt man sich dort in Geldfragen keinen großen Illusionen hin. Folglich ist der Name Programm: Zwar ohne Geld, doch dafür finanziell unabhängig, gelingt es immer wieder mit einfachen Mitteln kompromisslos und ohne Scheu vor großen Namen erfolgreich Theater zu machen.

Der Erfolg begründet sich vor allem auf dem Konzept, Stücke gegen jede Erwartungshaltung spektakulär und clownesk zu inszenieren, so dass dem in die Handlung einbezogenen Publikum mit viel Turbulenz, reichlich Improvisation und deftigem Spaß inhohem Maße vergnügliches Volkstheater geboten wird. Dabei bleibt der Charakter eines jeden Stückes unangetastet.

Max Frisch: Biedermann und die Brandstifter

Als eines Abends ein Fremder ohne zu klopfen Biedermanns Wohnzimmer betritt, gerät die altbewährte bürgerliche Ordnung durcheinander. Trotz seines Verdachtes, dass der Fremde ein Brandstifter sei, lässt Biedermann ihn bei sich einziehen. Selbst als er Benzinkanister und einen Ex-Häftling ins Haus bringt, will Biedermann sich nicht mit der Wahrheit konfrontieren.
Max Frisch Figuren sind einsame, bürgerliche, aber auch absurd-komische Gestalten. Sie können sich nicht einmal mehr wehren, wenn es ihnen an die eigene Haut geht. Es ist die mit viel Witz und Ironie erzählte Geschichte vom Biedermann, der seine Leiche im Keller hat und doch ein guter Mensch sein will.
„20 Jahre nach der Uraufführung – das feuergefährliche Benzin auf dem Dachboden, das unser Gottlieb Biedermann riecht und das ihn ängstigt und das er als Haarwasser deklariert, hat sich inzwischen vermehrt: es reicht zum Weltenbrand.“
 So schreibt Max Frisch 1978.
Nochmals sind mehr als 30 Jahre vergangen.
Wer Gehorsam gelernt hat, mit dem haben eben die Brandstifter leichtes Spiel. Biedermanns Widerstand ist nicht zu erwarten, wenn das Verbrechen organisiert zuschlägt.

Plakat 2011

Inszenierung: Reinhard Stähling
Musik: Thomas Hanke, Thomas Schnellen
Herr Biedermann: Armin Käthner
Frau Biedermann: Petra Schulte
Anna: Sophie Höerster
Herr Schmitz: Norbert Kauschitz
Herr Eisenring: Thomas Hanke
Ein Dr. phil.: Thomas Schnellen

Die Schauspieler:

Norbert Kauschitz

Armin Käthner

Petra Schulte

Thomas Hanke

Sophie Hoerster

Thomas Schnellen

Der Regisseur: Dr. Reinhard Stähling

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„Wie ein Sandkorn…!“

Zum lnklusionsbegriff und zum Index für Inklusion

BARBARA WENDERS & REINHARD STÄHLING IMGESPRÄCH MIT TONY BOOTH

Tony Booth, neben Gordon Porter einer der weltweit einfluss­reichsten Vertreter der „lnclusive Education“, arbeitet derzeit an der dritten Fassung seines 2000/2002 vorgelegten Index für Inklusion. Tony Booth ist Professor an der Universität Canbridge.
Reinhard Stähling und Barbara Wenders sprachen anlässlich der Bremer lnklusionsforschertagung 2011 mit ihm.

REINHARD STÄHLING: Herr Booth, was bedeutet Inklusion für Sie?

TONY BOOTH: Inklusion ist ein gro­ßer Begriff, der für zahlreiche an­dere große Begriffe steht. Inklusion bedeutet, inklusive Werte in Handlungen umzusetzen. Es ist ein prin­zipieller Weg, Bildung und Gesell­schaft zu entwickeln. Es ist eine Art, miteinander zu leben, verbunden mit einem ständigen Lernen. Für mich ist Inklusion ein sozialistischer, humaner Blick auf die Welt.

BARBARA WENDERS: Wann haben Sie den Begriff gefunden?

BOOTH: Mitte der Neunziger, wür­de ich sagen. Aber zuerst habe ich ihn abgelehnt. Ich benutzte den Be­griff Integration. Gut am lnklusionsbegriff war, wie ich dann feststellte, dass er eine leichte Verbindung zum Exklusionsbegriff erlaubte. Inklusion zu entwickeln, bedeutet Exklusion zu überwinden, und das ist eine mäch­tige Beschreibung.
Trotzdem wird der Begriff „Inklu­sion“ hauptsächlich im Zusammen­hang mit der Teilhabe von Kindern mit Beeinträchtigungen am Regel­schulsystem oder für die Teilhabe der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf gebraucht. Ich sehe In­klusion und Exklusion als etwas an, was uns alle betrifft: Erwachsene und Kinder. Wenn wir die Anwendung des Begriffs auf eine kleine Gruppe von Kindern beschränken, führt das dazu, dass wir die Möglichkeiten, Lösungen für die meisten Exklusionsprozesse in Schulen zu finden, versäumen. Auch behandelt es diese Gruppe in einer diskriminierenden Weise, als ver­stünden wir bereits die Basis ihrer Inklusion und Exklusion, ohne sie zu kennen.

STÄHLING: Spüren Sie viele Wider­stände gegenüber dem Index?

BOOTH: Nun, ich bin immer vorsich­tig, zu viel von dem zu erwarten, was ich schreibe. ln England haben wir ein besonders eng kontrolliertes Bildungssystem, wo sich viele Leh­rer in der Schule fühlen, als müssten sie, bevor sie morgens einatmen, erst einmal prüfen, ob dies durch die zentralen Schulerlasse erlaubt ist. Es scheint schwierig zu sein, in solch ein Schulsystem ein Dokument zu brin­gen, das sagt: Entwickle eine Schu­le, die dir selbst dient, entsprechend deinen eigenen Überzeugungen. Manchmal denke ich, dass der Druck gegen die Anwendung des Index in Schulen durch die Verwaltungser­lasse so groß ist, dass nur wenige ihn benutzen. Aber dann sehe ich auch Leute, die trotz des Drucks mit etwas arbeiten wollen, das mit ihren Werten verbunden ist, das sie frei macht.
Wir haben die neue Ausgabe des Index in Schulen in Norfolk, im Osten Englands erprobt. 35 Schulen arbeiteten zum ersten Mal mit dem In­dex und waren begeistert, dass er sie ermutigt hat, ihre Schulen zu ent­wickeln.

WENDERS: Ist Optimismus wichtig?

BOOTH: Ich sehe Optimismus und Hoffnung als Teil meines Rahmen­plans inklusiver Werte und als eine professionelle und elterliche Pflicht. Vielleicht ist es auch eine Pflicht ge­genüber sich selbst. Es hat nichts mit Vermeidung der Realität zu tun, son­ dern meint, der Realität ins Gesicht zu sehen als Basis für eine Strate­gie der Veränderung. Es gibt Zeiten, in denen du denkst, dass die Chance, etwas im Bildungssystem oder in der Umwelt zu verändern, klein zu sein scheint – aber dann arbeitest du mit dieser kleinen Chance und versuchst sie größer zu machen.

STÄHLING: Wir sind oft ungeduldig, weil die Schritte so klein sind …

BOOTH: Bezüglich der Veränderung, wie zu leben und wie zu unterrich­ten, ist es natürlich wichtig, die Ver­bindung zwischen unseren kleinen Aktionen und den großen Schritten, die wir machen wollen, zu er ­halten. ln dieser Hinsicht ist es gut, ungeduldig zu sein. Und manchmal sorgt der nächste kleine Schritt für den entscheidenden Wendepunkt, wie ein Sandkorn auf einer Sand­pyramide oder wie ein weiterer Mensch, der durch ein grausames Regime – wie das von Khaled Said in Alexandria – gebrochen wurde – der durch eine Facebook Kampagne „Wir sind alle Khaled Said“ zu einem der Einflüsse wurde, der zu Massen­demonstrationen und zur Verände­rung des Regimes in Ägypten geführt hat. So kann es sein, dass auch unse­re Bemühungen die Macht für die Bil­dung vergrößern werden.

SCHNELL GELESEN
Für Tony Booth ist der Index für Inklusion eine Einladung zum Dialog, und demzufolge wird er sich durch die Dialoge und Erfahrungen mit und von Schulen, Kindergärten und Kommunen, die damit arbeiten, weiterentwickeln. Ohnehin ver­steht Booth unter Inklusion einen lange währen­den Prozess, eine Strategie, um Bildung und Erziehung für alle neu zu überdenken, um von einer Sicht, die denen schadet, denen sie an­geblich dienen soll, weg zu kommen zu einer (schulischen) Gemeinschaft und Gesellschaft, die von Wertschätzung und Gleichwürdigkeit (equity) statt von bewertenden Hierarchien geprägt werden (vgl. Booth 2010).

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN

Reinhard Stähling
leitet die Grundschule Berg Fidel Münster.

Barbara Wenders
ist Klassenlehrerin und Sonderpädagogin
in der Grundschule Berg Fidel Münster.

LITERATUR
Boban, I./Hinz, A.: Index für Inklusion.
Halle 2003 (deutsche Fassung von Booth/ Ainscow 2000, 2002)
Booth, T:. Wie sollen wir zusammen leben? Inklusion als wertebezogener Rahmen für pädagogische Praxisent­wicklung. Vortrag am 10.6.2010 auf der Fachtagung „Kinderwelten“ in Berlin. Unter: www.kinderwelten.net
Booth, T./Ainstow, M.: The index for inclusion, developing learning and participation in schools. Centre for Studies on inclusive Education (CSIE). Bristol 2000, 2002
Stähling, R./Wenders, B.: Das können wir hier nicht leisten. Wie Grundschulen doch die Inklusion schaffen können. Ballmannsweiler 2012 (in Vorbereitung, enthält Langfassung dieses Interviews)

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Ungehorsam im Schuldienst -Von heutigen Schulreformern lernen

 

Reinhard Stähling Barbara Wenders

Ein neues Praxisbuch für den Umbau der Schule

Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2009
ISBN 9783834005502

„Der Mensch hat sich durch Akte des Ungehorsams weiter entwickelt“, schreibt Erich Fromm 1963, „auch die intellektuelle Entwicklung hatte die Fähigkeit zum Ungehorsam zur Voraussetzung.“

Neville Alexander, einer der bedeutenden Befreiungspädagogen Südafrikas und Weggefährte Nelson Mandelas erzählt, wie er ein Jahrzehnt im Gefängnis Mithäftlingen das Lesen und Schreiben beibrachte. Diese und andere Geschichten zeigen den Wert des Ungehorsams für die Bildung. Sie sind  in diesem Buch gesammelt. Gerhard Sennlaub hat als Schulrat ganze Lehrergenerationen fasziniert, indem er sich gegen unsinnige Schulvorschriften wehrte. Schulamtsleiter Heinz Kreiselmeyer kämpfte gegen die Mühlen der Bürokratie und blieb trotz eines Disziplinarverfahrens bis heute ungebrochen. Mit unbeirrter Durchhaltekraft baute Gordon Porter kanadische Schulen um, die wirklich für alle sind. Schulleiterin Gertraud Greiling zeigte Kindern in der Wartburgschule, die 2008 den deutschen Schulpreis erhielt,  wie man in Freiheit selbstständig handeln kann.

Bedeutende Pädagogen unserer Zeit betreiben eine Art von Selbsterforschung, wenn sie ihre Arbeit im Nachhinein betrachten. Sie alle entdecken den Bildungswert des Ungehorsams. Ihre aufrechte, humorvolle Haltung  macht sie unbequem. Faszinierende Fotos von Donata Wenders lenken den Blick auf die Würde der Kinder, um die es geht. Das Buch bietet Hilfen für den Umbau der Schulen und  beschreibt an fassbaren Beispielen, wie das traditionelle Schulwesen ins Wanken kommt: Eine Kraftquelle für alle, die Schule verändern wollen.Barbara Wenders, Jg. 1952, Lehrerin für Grund- und Hauptschule und Sonderpädagogik, arbeitet im Gemeinsamen Unterricht in der Grundschule Berg Fidel Münster

Reinhard Stähling, Jg. 1956, Leiter der Grundschule Berg Fidel in Münster

Fotografische Schulimpressionen von Donata Wenders, Jg. 1965, Fotografin, Berlin


Ungehorsam im Schuldienst
Eine Rezension des gleichnamigen Buches
von Barbara Wenders und Reinhard Stähling
von Günther Schmidt-Falck

Auf dieses Buch habe ich schon seit vielen, vielen Jahren gewartet und sicherheitshalber schon mal einen Platz im Regal freigehalten. Ich wusste, es wird eines Tages erscheinen. Wahrscheinlich hat es die Zeit gebraucht, bis sich AutorInnen gefunden haben, um mit ihrer „Geschichte“ an die Öffentlichkeit zu gehen. Barbara Wenders und Reinhard Stähling ist es zu verdanken, dass dieses Werk über „Akte des Ungehorsams“ das Licht der Öffentlichkeit erblickte.

Wovon handelt das Buch?
Zwölf AutorIinnen, allesamt aus dem Bildungsbereich, berichten über ihren Berufsalltag als LehrerInnen, RektorInnen, in Heimen, in der Lehrerausbildung oder in der Schulaufsicht. Barbara Wenders und Reinhard Stähling stellten Interviewfragen, die Interviewpartner schilderten ihren alltäglichen Kampf gegen unsinnige Vorschriften, verknöcherte und unsichere KollegInnen und beschrieben destruktive, teilweise auch bösartige Vorgesetzte. Sie wehrten sich gegen Bevormundung und traten für Menschen ein, die auch unter der Willkür zu leiden hatten oder sich (noch) nicht wehren konnten. Es sind erlebte Geschichten und leise, manchmal auch laute Aufschreie gegen das Unrecht.

„Der lange steinige Weg – Ungehorsam im Dienste der Bildung“
Im ersten Interview des 1. Kapitels erzählt ein Schulrat, Gerhard Sennlaub (Titel: Gegen amtlich angeordnete Kinderschändung), dass er Freude und Befriedigung in seinem Beruf als Dorfschullehrer erleben wollte. Er müsse als Lehrer einsehen und empfinden können, dass er das Richtige tue. Unter dem Richtigen versteht er, dass sich eine Lehrkraft im Beruf wohlfühlt und dass auch die Kinder sich freuen. Er setzt sich für Kinder ein, für KollegInnen, die er später als Schulleiter an seiner Schule haben wollte. Eine seiner wichtigsten Botschaften:
„Bei Auseinandersetzungen muss unser Motto sein: Kein Verlierer!“ (S. 17)
Für die Lehrkräfte fordert er:
„Gebt ihnen den Freiraum, den Idealismus und pädagogische Vernunft brauchen, und ihr werdet merken, wie viele gute es gibt.“ (S. 15)
Ich habe seinen Beitrag als eine Art Einführung in das Buch empfunden.Exkurse
Zwischen den Interviews schreibt Reinhard Stähling kurze Zusammenfassungen, Ausblicke und theoretische „Abrundungen“. Sie stehen inhaltlich in der Regel in keinem direkten Zusammenhang AUSWEGE – 31.12.09 Rezension: Ungehorsam im Schuldienst 1
zum vorausgehenden Interview. Er nennt sie treffenderweise „Exkurse“. Sie schauen über den Interviewtext hinaus, ordnen ein, struktieren und sammeln. Bei der Gelegenheit sei gleich ein Hinweis auf die Buchstruktur gestattet: Sie ist gut gemacht, übersichtlich und klar im Aufbau. Aufgrund der Struktur mit den vorausgehenden Interviews war ich eher bereit, mich anschließend auf einen theoretischen Exkurs einzulassen.

Betroffene erzählen
Im zweiten Interview kommt Irmtraud Schnell zu Wort. Sie ist Sonderpädagogin, und eines ihrer Themen heißt „Integration“. Sie berichtet über sich, über die Herkunft ihrer Empathie für Kinder und über die Entstehung ihrer Motive, sich für die Integration von schwierigen Kinder in die Regelschule einzusetzen:
„Das Thema »Dazugehören« ist ein ganz tief verwurzeltes. Als Kind musste ich mich aus gesundheitlichen Gründen mehrmals für längere Zeit fern von meiner Familie aufhalten. Dieses Herausgerissensein, keinen festen Platz zu haben, was das heißt, kann ich Kindern nachfühlen. Es soll nicht sein, dass Kinder sich fragen müssen: »Wo gehöre ich eigentlich hin?«“ (S. 38).
Gerade die Verbindung von eigenem Wachstum, erlebten Enttäuschungen und Erfolgen, vom Finden eigener Wege und Ziele und dem Kampf gegen gesellschaftliche Strukturen habe ich als eine der größten Stärken des Buches empfunden. So wird nicht nur das eigene heroische Handeln herausgestellt, wie das aus zahlreichen Beispielen der früheren Arbeiterliteratur bekannt ist. Dort sollten leuchtende Beispiele vorgeführt werden,
versehen mit dem moralischen Zeigefinger und dem Wissen um den „einzigen richtigen Weg“. In diesem Buch erzählen Betroffene von sich, ohne ständig „Wahrheiten“ verbreiten zu müssen.
In den weiteren Aufsätzen berichten die AutorInnen von der Leitungstätigkeit in reformpädagogischen Schulen, von Brennpunktschulen, Heimen und vom Widerstand gegen „gymnasiale Selbstverständlichkeiten“. Es würde zu weit führen, alle Interviews hier vorzustellen. Eines kann allerdings gesagt werden: Ich habe alle mit Spannung, Genuss und Betroffenheit gelesen.

„Skandal« – Von Medien begleiteter Ungehorsam im Dienste der Bildung“
Der zweite Teil des Buches bleibt dem Schulamtsleiter a.D. Heinz Kreiselmeyer vorbehalten. Zunächstv wird eine Chronologie seiner Disziplinarmaßnahme vorgestellt. Danach erzählt er im Interview von seiner Zeit als Seminarleiter und als leitender Schulamtsdirektor. Eine seiner wichtigsten Erkenntnisse:
„Es wäre schlimm, wenn du als Lehrer, Schulleiter oder Schulrat eines Tages gehen würdest und keiner würde merken, dass du gegangen bist. Eine gesichtslose Schule, ein gesichtloses Schulamt. Schlimm. Wenn du keine Spuren hinterlässt, hast du einen ganz wesentlichen Auftrag verfehlt. Es muss spürbar werden, dass es dich gab.“ (S. 193)
Heinz Kreislemeyer ließ sich in keinem seiner vielen Arbeitsbereiche verbiegen. Die Verfolgung seiner Person fußt nicht zuletzt auf dieser Haltung. Die Regierung von Mittelfranken ermittelte 27 Monate lang gegen ihn. Die Hintergründe der „Untersuchungen“ sieht er darin:
„Der Auslöser für die Ermittlungen lag offensichtlich in meinem Gesamtverhalten. Die Untersuchungen bezogen sich, mehr oder weniger verdeckt, auf meine öffentliche Kritik am System Schule, auf mein Eintreten für das Volksbegehren »Bessere Schule für Bayern«, meine öffentliche Darstellung einer rigiden bürokratischen Bildungsadministration und nicht zuletzt auf meine Aktivitäten in der Initiative Praktisches Lernen Bayern e.V. Als »persona non grata«, als »Rebell« sollte mir eine scharfe Lektion erteilt werden. Fortan wurden alle meine beruflichen Wege bis ins kleinste Detail untersucht und verfolgt.“ (S. 197)
Heinz Kreiselmeyer hat an der Macht der herrschenden Klasse gekratzt. Sein Bericht ist erschütternd. Zum Glück hat er alle Details akribisch gesammelt. Zum Glück auch konnten „sie“ ihn nicht brechen.

„Andere Länder – andere Sitten – Ungeheure Horizonte für die Bildung“
Im letzten Teil des Buches erzählen ein kanadischer Schulamtsdirektor, eine kanadische Schulleiterin und ein südafrikanischer Pädagoge und Widerstandskämpfer über den Kampf in ihren Ländern. Sicherlich überflüssig zu erwähnen, dass dort die Veränderungen auch keine Begeisterungsstürme hervorgerufen haben. Sobald einer den Mainstream der herrschenden Reaktionäre und Kleingeister verlässt, beginnt der alltägliche Kampf.

Fazit:
Dieses Buch bietet einen atemberaubenden Einblick in Inkompetenz, Peinlichkeiten und Unterdrückungsmechanismen im Schul- und Erziehungsbereich. Zwanghafte und ängstliche RektorInnen, kleingeistige Schulaufsichtspersonen und angepasste PolitikerInnen werden immer wieder beschrieben. Die Interviews ermöglichen weiterhin einen Blick hinter die Kulissen einer schäbigen Kultus- und Schulbürokratie. Wer glaubt, das Buch würde einem beim Lesen den letzten Nerv rauben, wenn man sich mit solchen
unglaublichen Vorgängen beschäftigt, irrt allerdings. Im Klappentext heißt es:
„Das Buch bietet Hilfen für den Umbau der Schulen und beschreibt an fassbaren Beispielen, wie das traditionelle Schulwesen ins Wanken kommt: Eine Kraftquelle für alle, die Schule verändern wollen.“
Bingo! Diese Kraftquelle erlebte ich beim Lesen von Kapitel zu Kapitel aufs neue. Es war weniger das Sammeln von Informationen über eine mögliche Veränderung verkrusterter Strukturen oder das Vorgehen gegen autoritäre Vorgesetzte. Nein. Die autentischen Schilderungen ließen mich teilhaben an politischen Kämpfen, Zweifeln und persönlichem Wachstum. Da gibt es Menschen, die sich mit Zuständen und Strukturen nicht abfinden konnten und wollten. Menschen, die sich durchgesetzt haben, nicht zerbrochen sind. Manchmal mussten sie klug handeln: Zwei Schritte zurück, bevor es wieder einen Schritt weiter gehen konnte. Aber sie sind gegangen. Aufrecht. Haben sich nicht verbiegen lassen. Haben für ihre Ideen und um ihren Platz, an dem sie arbeiteten und lebten, gekämpft. Die Lektüre war ein echter Gewinn!

Über den Autor:
Günther Schmidt-Falck, personzentrierter Coach und Konfliktberater, ist Webmaster des Magazins AUSWEGE und Geschäftsführer der GEW Ansbach.

Kontakt:
auswege@gmail.com
www.magazin-auswege.de

Die Schule als Problem- und Konfliktfeld

von Christa D. Schäfer

Probleme und Konflikte sind normal und es wird sie immer geben.
Wichtig ist hingegen, wie mit ihnen umgegangen wird.
Schön wäre ein konstruktiver und kreativer Umgang.

Das sind einige meiner Standardsätze in der Konfliktlotsen- und Mediationsausbildung sowie in den Kursen zum Runden Tisch in der Familie. Jetzt habe ich ein Buch in die Hände bekommen, das voll von Problemen und Konflikten zum Thema Schule ist. „Ungehorsam im Schuldienst“, so heißt das Buch von Reinhard Stähling und Barbara Wenders aus dem Schneider Verlag Hohengehren.
Gehorsam war bzw. ist in den meisten Schulen noch immer oberstes Erziehungsziel. Da klingt es paradox, von PädagogInnen als „ungehorsam“ zu sprechen.
Die Autoren des Buches interessierte, was hinter den Kulissen von Schulen passiert, wo „ungehorsame“ Lehrerinnen und Lehrer bei der Veränderung von Schule erfolgreich waren. Und es ist ihnen gelungen zu zeigen, dass gute Pädagogik geradezu Ungehorsam herausfordert, so resümiert Astrid Kaiser in ihrem Vorwort zum Buch. Da müssen pädagogische Handlungsspielräume ausgeweitet werden und Zivilcourage gegen bürokratische unpädagogische Richtlinien stehen. Mut und der Wille, für Kinder und Jugendliche einzugestehen, wird so zur absoluten Voraussetzung für dieses Handeln. Ein wunderbares Buch ist daraus entstanden, dem ich viele Leser wünsche.
Über ein Kapitel, das mich besonders berührt hat, möchte ich hier berichten. Wenn Kinder nicht in die Norm passen, ein Exkurs über den Widerstand gegen gymnasiale Selbstverständlichkeiten – so heißt die Ausführung. Barbara Wenders erzählt von Nelly, die von Geburt an eine Spastik hat, dagegen aber meist schon mehrere Gedankengänge weiter ist, wenn die anderen Kinder und Jugendlichen ihrer Klasse gerade zu denken beginnen. Das hat ihr geholfen, eine „normale“ Schule besuchen zu können, doch hatte Nelly immer das Gefühl, besser sein zu müssen als alle anderen, um in der Schule bestehen zu können. Von den ganzen Schwierigkeiten eine Schule zu finden, in dieser Schule in Ruhe arbeiten zu können und sich dort mit ihrem Dreirad als Fortbewegungsmittel bewegen zu können, möchte ich gar nicht berichten. Ich möchte lediglich einige Sätze Nellys zitieren, die sie am Ende ihrer Schulzeit rückblickend sagt:

„Auf so einer Schule, wie meine Grundschule eine war, wäre ich gerne länger geblieben. Dort gab es den Klassenrat, da haben wir gelernt, dass wir alle die gleichen Rechte haben. Auch ich durfte mich, im Gegensatz zur weiterführenden Schule, über meine Lehrer beschweren. Im Klassenrat haben wir gelernt, dass niemand bloßgestellt werden darf, dass jeder, der Hilfe braucht, sie auch bekommt. Für mich war nach ganz kurzer Zeit klar, dass ich immer jemanden hatte, der mir die Türen aufhielt. Dieser Dienst war im Klassenrat geregelt worden, und er funktionierte so selbstverständlich wie jeder andere Dienst auch.
Dann gab es auch noch Treppen vor dem Eingang. Wie sollte ich mit meinem Dreirad dort hinauffahren können? Die Schulleiterin hat vermutlich gegen Bauvorschriften verstoßen, als sie einfach Holzbohlen dorthin legte. Ich kam jedenfalls barrierefrei in die Schule. Als eines Tages ein anderes Kind mir drohte, mich von der Rampe zu stürzen, wusste ich, das kann ich im Klassenrat klären. Und es wurde geklärt.“ (Buch S. 75)

Eine überzeugendere Empfehlung für den Klassenrat kann es meiner Meinung nach doch gar nicht geben! Ich habe eine Praxishilfe zum Thema Klassenrat geschrieben, die Sie kostenfrei herunterladen können und nach der Sie einfach und unkompliziert den Klassenrat einführen können. Falls Sie ein Trainingseinheit zum Klassenrat buchen möchten, auch dies biete ich in einer Ein-Tages und Drei-Tages-Variante in Ihrer Schule oder in meinen Berliner Räumlichkeiten an – hier ein Bericht zu meinem Klassenratstraining in Wolfsburg. Ich hoffe darauf, dass viele Klassen den Klassenrat ebenso wie Nelly als Klärungsort für ein friedlicheres Schulleben kennenlernen.

Kontakt:
www.chschaefer.de
www.mediation-berlin-blog.de
mail@ChSchaefer.de


Entwicklung durch Ungehorsam

von Detlef Träbert

Rätselfrage: Was haben Neville Alexander, Jean Collicott, Ada Fuest, Gertraud Greiling, Walter Hövel, Astrid Kaiser, Heinz Kreiselmeyer, Raimund Patt, Manfred Pollert, Gordon Porter, Irmtraud Schnell, Brigitte Schumann und Gerhard Sennlaub gemeinsam? Alle waren sie „Ungehorsam im Schuldienst“. So lautet denn auch der Titel des neuen Buches von Reinhard Stähling und Barbara Wenders, Schulleiter und Lehrerin an der für ihre reformpädagogische Arbeit berühmten Grundschule Berg Fidel in Münster.

Die beiden Autoren haben die vorgenannten Persönlichkeiten in Interviews zum Erzählen gebracht: über ihren Kampf „gegen amtlich angeordnete Kinderschändung“ (Sennlaub), die Überwindung von „Angst vor Autoritäten“ oder über das Durchstehen eines langen Disziplinarprozesses, ohne die eigene Identität aufzugeben (Kreiselmeyer). Dabei geht es nicht darum, den Ungehorsam per se zur Tugend zu erheben, sondern es geht um „den Respekt für die Interessen und Bedürfnisse der Kinder“, um die „Achtung ihrer Rechte“ und den „Gehorsam gegen die eigenen Ideale“ (Sennlaub). Diesen Intentionen tragen auch die sehenswerten, einfühlsamen Fotos von Donata Wenders Rechnung.

Für alle berichteten Beispiele gilt, dass der Mut und die Unerschrockenheit ihrer Protagonisten, oftmals aber auch ihre taktische Klugheit, die Voraussetzungen dafür waren, pädagogische Ideale in Praxis umsetzen zu können. Es gehört eine große Disziplin dazu, erfolgreich ungehorsam zu sein. Schulentwicklung, ob es um die Arbeit in einem sozialen Brennpunkt, die Entwicklung von Ganztagsschule, Inklusion oder Leistungsbeurteilung geht, ist nicht immer mit den geltenden Vorschriften vereinbar. Wer – zumal benachteiligten – Kindern und Jugendlichen wirklich helfen will, muss Dinge tun, die so eigentlich nicht vorgesehen sind.

Reinhard Stähling stellt in eingeschobenen Exkursen immer wieder Sammlungen „praxiserprobter Ungehörigkeiten“ vor, die bei der konkreten Schulentwicklung hilfreich sein können. Andere seiner Exkurse zwischen den Berichten widmen sich u.a. juristischen und psychologischen Fragen.

„Die Menschheitsgeschichte begann mit einem Akt des Ungehorsams, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie mit einem Akt des Gehorsams ihr Ende finden wird“, wird Erich Fromm zitiert (S. 228). So lange Menschen sich um Menschlichkeit bemühen, so lange ist Ungehorsam vonnöten. Aber können ausreichend viele Menschen ausreichend mutig sein? „Wenn ich in einem Rechtsstaat nicht in der Lage bin, meine Überzeugung zum Ausdruck zu bringen und ein ganz kleines Zeichen zu setzen, was hätte ich dann wohl im Nationalsozialismus für eine Rolle gespielt?“ (S. 63 f.), fragt sich Brigitte Schumann in ihrem Bericht. Insofern passt auch Neville Alexanders Schilderung aus dem Widerstand in Südafrika in den Kontext von „Ungehorsam im Schuldienst“, denn Ungehorsam eröffnet ungeheure Horizonte für die Bildung – überall auf der Welt, sogar bei uns.

„Ungehorsam im Schuldienst“ ist eine „Kraftquelle für alle, die Schule verändern wollen“, heißt es zu Recht im Klappentext, und darüber hinaus ist es eine Bereicherung für jeden, der Schule menschlicher gestalten möchte.

Dipl.-Päd. Detlev Träbert
www.aktion-humane-schule.de
ahs@aktion-humane-schule.de


Fuest, Ada (2008): Und in der Mitte das Kind: Praxiswege einer kindorientierten Grundschularbeit. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 272 Seiten. Euro 19.80.

„Und in  der Mitte das Kind“: Dieser Titel erinnert an das bekannte Motto „Jahrhundert des Kindes“,  so betitelte Ellen Key ihr 1900 erschienenes Buch. Sie vertrat in Anlehnung an Rousseau eine konsequent „natürliche Erziehung“ des Wachsenlassens und ein gesamtschul- und arbeitsschulartiges Modell der „Zukunftsschule“. Auch Titel, die in der Tradition Freinets, Montessoris oder Steiners stehen, könnten den Titel „Und in der Mitte das Kind“ zu Recht für sich in Anspruch nehmen, so dass sich die Frage aufdrängt, was denn Ada Fuests Buch besonders kennzeichnet. In welcher Tradition steht sie mit ihrem 2008 erschienenen Buch? Dessen acht Kapitel beantworten diese Frage eindeutig: Fuests theoretischer Hintergrund „entstammt individualpsychologischen Ansätzen, die sie in ihrem Verhältnis zu den Kindern lebt“ (Astrid Kaiser im Vorwort, S. XII). Damit ist bereits eine erste Stärke dieses zu besprechenden Buches angesprochen, dessen Lebensnähe. Ada Fuest schreibt auf dem Hintergrund ihrer langjährigen Erfahrungen als Lehrerin, Fachleiterin und Schulleiterin. Sie schildert zahlreiche Begegnungen mit ihren Schülerinnen und Schülern, zeigt deren „originäre Lebensbewegungen“ (Heisterkamp), lässt die Kinder sprechend, schreibend und zeichnend zu Worte kommen: „Ich heisse nicht Ralf, ich heisse Manfred. Meine Mutter nennt mich nur immer so, weil sie den Namen schöner findet“. So äussert sich Ralf, der ins erste Schuljahr eingetreten ist. Wie soll eine Lehrperson darauf eingehen? Muss das sein? Dies kann man sich schon fragen …….. „Wo würde ich hinkommen, wenn alle Kinder ständig ihre Namen wechseln wollten?“ Jetzt ist Manfred bzw. Ralf aber nicht irgendjemand, sondern – darauf weist die Individualpsychologie hin – wie jeder Mensch einzig- und eigenartig. Lehrerin Fuest hat sich auf Ralfs Wunsch eingelassen und hat ihm so die Chance für einen Neubeginn eröffnet. Er wurde ein anderer in der Klasse und „hörte mit dem Klauen langsam auf. Von den Kindern und seiner Lehrerin erhielt er mehr Mut zum Lernen“. (S. 28)

Solche Entwicklungsprozesse laufen nicht von selbst ab, brauchen Voraussetzungen, zum Beispiel das Gefühl, von den anderen Kindern und von der Lehrperson verstanden, akzeptiert und gleichwertig behandelt zu werden. Wie solche Prozesse verlaufen, wenn „in der Mitte das Kind“ steht, davon handelt das Buch. Methodisch hilfreich und die jeweiligen Entwicklungen anregend sind:

  • das Gruppengespräch (Klassenrat und Schülerkonferenz)
  • die Arbeit mit Kindheitserinnerungen
  • die Arbeit mit Träumen
  • die Arbeit mit Geschwisterkonstellationen
  • die Arbeit mit Familienkonstellationen (Familien in Tieren)
  • das freie Schreiben
  • der Einsatz von Handpuppen usw. (vgl. Fuest 2008, S. 148f.)

Wer zu diesen sieben Stichworten Anregungen sucht, findet diese vor allem in den ersten Kapiteln des Buches. Bei der Auflistung dieser methodischen Anleitungen zeigt sich Fuest Orientierung an der Individualpsychologie, immer wieder werden individualpsychologisch orientierte Psychologinnen und Psychologen wie Antoch, Dreikurs, Heisterkamp, Kummer, Schmidt oder Tymister zur Erläuterung angeführt. Zentral ist immer das Gelingen der Kommunikation, was im Einzelfall bedeuten kann: „Kinder zum Sprechen zu veranlassen, das eigene Verhalten im Gespräch auf das Kind hin so zu verändern, dass das Kind sich öffnen kann, dass es lernt, über sich und seine Schwierigkeiten zu sprechen, dass es lernt, dass Fehler zu machen zum Leben gehören, dass es lernt, um Hilfe zu bitten, wenn es etwas noch nicht kann, dass wir das Gespräch mit dem Kind nicht abbrechen lassen, dass wir einen ermutigenden Dialog mit dem Kind führen“ (Fuest 2008, S. 149).

Wenn das Kind lernen soll, dass Fehler zu machen zum Leben gehört, dass um Hilfe zu bitten erwünscht ist, dann muss es dies in der Schule gleichermassen erleben können. Ada Fuest weiss dies und bezieht sich darum – ganz in tiefenpsychologischer Tradition – als Person stets mit ein. So überscheibt sie ein Kapitel mit „Was habe ich von Sabrina gelernt?“, weil sie davon ausgeht, dass auch die Lehrperson stets am Lernen ist (vgl. Fuest 2008, S. 51). Konsequenterweise gehören für die Autorin Selbstreflexion und der Besuch einer Supervisionsgruppe zum Berufsauftrag der Lehrperson. So schafft sich diese die Voraussetzungen, um den Kindern tagtäglich offen, ehrlich und lernbereit begegnen zu können. Die tagtägliche Selbstreflexion gehört gleichermassen zum Berufsauftrag der Schulleiterin, auch darüber erfährt der Leser/die Leserin Wichtiges, zum Beispiel wenn Ada Fuest schreibt:“ Mit Macht ausgestattet, musste ich mir klar werden, was denn der richtige Gebrauch von Macht war…“ (S. 243).

Weitere Themen des Buches – zum Beispiel Sinti- und Roma-Kinder – oder innere Schulentwicklung und neue Strukturen – können im Rahmen dieser kurzen Besprechung nur genannt werden. Nochmals wird einem durch deren Nennung der weite Rahmen des Buches vor Augen geführt. Dieses ist spannend zu lesen, gerade weil die Autorin sowie deren Schülerinnen und Schüler gleichermassen zu Worte kommen.

„Und in der Mitte das Kind“ sollte in der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung gelesen und diskutiert werden. Es zeigt eindrücklich die Möglichkeiten von Beziehungsbildung und – gestaltung in einer sog. Brennpunktschule exemplarisch auf, wie sie jeden Tag neu zu leisten sind. Das Buch stellt Anschauungsbeispiele zur Verfügung, wie sie oft fehlen. Und alle pädagogisch Interessierten können dem Buch „Und in der Mitte das Kind“ von Ada Fuest Anregungen für die Verwirklichung dieses alten reformpädagogischen Grundsatzes entnehmen, wie sie im Lichte der individualpsychologischen Theorie begründbar sind.

Jürg Rüedi, ZürichStähling, Reinhard (2006): „Du gehörst zu uns“ – Inklusive Grundschule. Ein Praxisbuch für den Umbau der Schule. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 184 Seiten. Euro 18.00.

Ebenfalls theoretische Anstösse der Individualpsychologie, zum Beispiel hinsichtlich des Klassenrats, aufgenommen und verarbeitet hat Reinhard Stähling. Er unterrichtet seit 1982 ununterbrochen als Grundschullehrer und ist Schulleiter an der Grundschule Berg Fidel in Münster. Diese enge Verbindung zur Praxis verleiht seinen wissenschaftlichen und bildungspolitischen Veröffentlichungen zu Themen wie „Unterrichtsqualität“ oder zur so genannten „inklusiven Pädagogik“ eine Glaubwürdigkeit, die manch anderen Publikationen, entstanden nicht zuletzt unter dem Druck, publizieren zu müssen, abgeht.  Unter seinem Konzept einer „inklusiven Grundschule“ versteht er den Einbezug der Rechte aller Kinder. Eine „inklusive Bildung“ heisst für Stähling, dass alle Kinder in allgemeinen Schulen in heterogenen Lerngruppen der Vielfalt der Begabung entsprechend unterrichtet werden. Die nötige individuelle Unterstützung wird zum Kind gebracht. Bildung ist ein Recht, das zur Wahrnehmung anderer Rechte erst befähige; werde sie vorenthalten, bedeute das den Ausschluss von Selbstbestimmung, politischer und gesellschaftlicher Teilhabe, Arbeit und Gesundheit. Stählings Kritik richtet sich somit nicht gegen die Lehrpersonen, welche sich im vorgegebenen Rahmen mit all ihren Kräften für ihre Schülerinnen und Schüler einsetzen, sondern er prangert diejenigen Zustände an deutschen Schulen an, die vom Sonderbeauftragten der Vereinten Nationen für das Recht auf Bildung, Vernor Munoz, angeprangert wurden:

  • Viel zu früh werden die Bildungswege der Kinder getrennt.
  • Fast einer halben Million Kindern und Jugendlichen wird sonderpädagogischer Förderbedarf bescheinigt und 85% dieser Kinder werden in der Folge in Sonderschulen eingewiesen – viele gegen ihren und gegen den Willen der Eltern. Nur 15% von ihnen werden an allgemeinen Schulen unterrichtet.
  • Unter den Sonderschülerinnen und -schülern finden sich überproportional viele Kinder mit Migrations- und/oder Armutshintergrund.

Auf diese Weise produziere und reproduziere das Bildungssystem gesellschaftliche Ungleichheit und Armut. Für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und Benachteiligungen bedeute die Ausgrenzung in Sonderschulen den Einstieg in lebenslange Sonderwege an den Rändern der Gesellschaft. Gleichzeitig werde allen Kindern die Vielfalt der Gesellschaft in der Schule vorenthalten. Sie könnten so nicht im Alltag lernen, respektvoll und konstruktiv mit Andersartigkeit umzugehen.

Stähling fordert darum den „Umbau der Schule“: Es sei höchste Zeit für die inklusive Schule. Grundschullehrer Stähling lässt es nun – wie schon angedeutet – nicht bei dieser Kritik am deutschen Schulsystem bewenden, sondern er zeigt in der Grundschule „Berg Fidel“ in Münster bereits erprobte Wege auf, wie Schritte in Richtung „inklusive Grundschule“ möglich sind:

  • Erstens wurden in der Grundschule Berg Fidel verlässliche, rhythmisierte Strukturen über den gesamten Schultag hinweg eingeführt. Kinder brauchen vor allem verlässliche Menschen, um selbstbewusst lernen zu können.
  • Zweitens wurde festen multiprofessionellen Teams die Zuständigkeit für jeweils eine Klasse zugeteilt.
  • Drittens erhielt jede Klasse die klare Zuständigkeit für zwei Räume.
  • Viertens soll die Integration förderbedürftiger Kinder möglichst wohnortnah geschehen.
  • Fünftens soll jede Klasse im Klassenrat eine zuverlässige Gesprächskultur entwickeln.
  • Sechstens sind die Klassen seit 2002 mit den Jahrgängen 1 bis 4 altersgemischt.

Diese sechs Merkmale sind für Stähling (2006, S. 99) „die soziale Basis für die Entwicklung aller Kinder. Sie ermöglichen jedem Kind in dieser Schule zu einer Arbeitshaltung zu finden“. In methodischer Hinsicht sind für die Grundschule Berg Fidel zwei Prinzipien wichtig, die sich mit den Begriffen „Gesundheitsförderung“ und „offener Unterricht“ umreissen lassen:

  • Gesundheitsfördernde Prinzipien, die in Anknüpfung an die 10 Prinzipien von Thessaloniki 1997 ein Lernen in einer Atmosphäre des Wohlfühlens ermöglichen: Mitbestimmung von Kindern, Eltern und Mitarbeitern, zum Beispiel durch die Einführung eines Klassen- und Schülerrates.
  • „Offener Unterricht“ – in der Schweiz wird von „erweiterten Lehr- und Lernformen“ gesprochen –, der – bei aller (inneren) Differenzierung – auf Isolierung durch ständige individualisierte Einzelarbeit verzichtet. Angestrebt wird eine sonderpädagogische Förderung im Rahmen der Regelschule.

Das „inklusive Konzept Berg Fidel“ kann – und dies verstärkt wiederum die Glaubwürdigkeit von Stählings (2006, S. 111f.) „Praxisbuch für den Umbau der Schule“ – schon auf eine längere Entwicklung seit 1991 zurückblicken: „Nur wenige der inzwischen gemachten Schritte waren Jahre zuvor abzusehen, keine Erfahrungen haben wir voraussehen können und niemand hat 1991 eine Prognose gewagt, wie die Schule fünfzehn Jahre später arbeitet“. Entscheidend für den Fortschritt dieses „inklusiven Weges“ sei es, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht zu überlasten. Wenn Teamarbeit zum Wohle aller Menschen in der Schule kreativ genutzt werde, reduziere sich die Beanspruchung. In einer Zeit, in der wissenschaftliche Untersuchungen immer wieder auf die Belastungen der Lehrpersonen, hinweisen, in einer Zeit, in der „Burn-out in Lehrberufen“ ein Dauerthema ist, lässt diese Aussage Stählings aufhorchen. Dieser hat viel im Sinn, verfolgt hohe und anspruchsvolle Ziele, geht aber diesen Weg bereits und kann auf Erprobtes zurückblicken: „Es wird nicht theoretisiert über Inklusion, sondern es werden gangbare Wege aufgezeigt“  – mit diesen Worten würdigt Astrid Kaiser (2006, S. VII) als Herausgeberin der Reihe das Anliegen Reinhard Stählings (vgl. www. reinhard-staehling.de). Sie schliesst ihr Vorwort so ab: „Ich wünsche mir, dass die pädagogische Wärme und Zuversicht des Autors auch auf die Lesenden dieses Buches überströmt und dass viel Kraft von diesem Buch auf die Veränderung der Schulen im Lande ausstrahlt“. Diesem Wunsch kann nur beigepflichtet werden.

Jürg Rüedi, Zürich


Rezension in NDS 4/2010

Reinhard Stähling/Barbara Wenders
Ungehorsam im Schuldienst

Der praktische Weg zu einer Schule für alle
Schneider Verlag; Baltmannsweiler 2009;
ISBN 978-3-834005502; 255 Seiten; 19,80 Euro

Ein bunter Strauß – vornehmlich praktischer – Erfahrungen und Ideen aus der Schule und für die Schule: Im ersten Kapitel werden zwölfnPädagogen aus dem Bildungsbereich interviewt. Anschaulich und spannend berichten sie aus ihrem pädagogischen Alltag. Versuche, gegen den verordneten Trott, gegen sinnlose Vorschriften und unsinnige Bevormundung anzugehen. Es wird gezeigt, wie Schule gelingen kann, wenn Lehrer es als ihre Aufgabe ansehen, pädagogisch verantwortungsvoll zu handeln, auch ohne „um Erlaubnis einzukommen“. Die (typisch deutsche) Angst vor Autoritäten ist nirgends so kontraproduktiv wie im Lehrerzimmer und im Klassenraum. Wer allerdings das Wohl des Kindes/des Jugendlichen an die erste Stelle setzt, hat auch in unserer Schule viele Möglichkeiten. Was im Umkehrschluss auch heißt: Da die überfällige Wende in der deutschen Schulpädagogik, in Schulpolitik und Schulstruktur, kaum zu erwarten ist, sind der einzelne Lehrer, das Pädagogen-Team, die Schule vor Ort gefordert, sinnvolle pädagogische Arbeit zu leisten, auch im Ungehorsam gegen überkommene Vorschriften. Die Beispiele der Interviewten machen dazu Mut, auch wenn sie ab und an ein wenig selbstgefällig daherkommen.

Zwischen die Interviews setzen Stähling und Wenders Exkurse, theoretische Hinweise, Überle- gungen und Ausblicke, die nicht immer einen unmittelbaren Bezug zu den Gesprächen haben.

Besonders eindringlich untermauern sie dabei die Notwendigkeit, unsere Schulen endlich inklusiv zu gestalten. Der zweite Teil des Buches ist dem „Fall“ des bayrischen Schulaufsichtbeamten a.D. Heinz Kreiselrneyer gewidmet. Nach der Chronologie seiner Disziplinierung durch die Regierung von MitteIfranken berichtet das CSU-Mitglied (!) Kreiselmeyer in einem Interview von seiner Arbeit als Schulamtsdirektor und Seminarleiter, vom vielfältigen „Druck von oben“ bei seinen Versuchen, Schule ohne übermäßige Rücksicht auf die rigide Bildungsadministration zum Wohl der Kinder zu gestalten.
Im letzten Kapitel kommen ein Hochschullehrer und eine Schulleiterin aus Kanada zu Wort. Ihre reformerischen Ansätze „von unten“ bewirkten letztendlich die Strukturänderung des kanadischen Schulsystems.
Zum Abschluss der Bericht von Prof. Dr. Neville Alexander, ehemaliger südafrikanischer Freiheitskämpfer und Mithäftling von Nelson Mandela, über Bildungsarbeit unter schwierigsten Bedingungen – im Gefangenenlager auf Robben Island. Seit Beendi gung der Apartheid arbeitet Alexander als Direktor der Bildungsinstitution für alternative Pädagogik erfolgreich in seiner Heimat.
Fazit: Das Buch zeigt eine bunte Palette pädagogischer Möglichkeiten, nachahmenswerte Beispiele für den Schulalltag, wissenschaftliche Begründungen für überfällige Reformen, kleine Schritte und große Erfolge – lesenswert für jeden engagierten Pädagogen und Pflichtlektüre für die Schulaufsicht vom Schulrat bis zum Kultusminister.

Karl-Heinz Platte


Rezension
in Lehrerbibliothek.de

von Christian Prior
„Viva la revolucion! Hasta la victoria siempre!” – so oder so ähnlich könnte man alle Personen, die in diesem Buch als Interviewpartner befragt werden, beschreiben.

Der Ungehorsam im deutschen Schuldienst scheint bereits im ganz kleinen anzufangen, sobald man nicht bürokratisch sondern menschlich oder pädagogisch anfängt zu denken. Allerdings schrecken die meisten dann doch vor der Maschienerie der Bürokratie zurück oder bangen, um ihren Job. Wie sonst lässt sich erklären, dass es dennoch nur so wenige bekannte Pädagogen gibt, die offen zu ihrem Ungehorsam im Schuldienst stehen.

Aus genau diesen Motiven handelten jedoch die Interviewpartner. Ihnen waren in den meisten Fällen die Konsequenzen ihres Handelns egal, bzw. hatten sie bereits genug Befürworte um sich gesammelt.

Die Interviews veranschaulichen sehr gut wie marode und inkonsequent das deutsche Schulwesen in vielen Fällen arbeitet.
Anhand des Beispiels „Lesehimmel“ wird dies sehr gut deutlich. Da schafft man es junge Schüler zum Lesen zu animieren, kostet die Stadt kein Geld für irgendwelche Baumaßnahmen, da man eine breite Elternschaft, mit Fachleuten aus bautechnischen Berufen, motivieren konnte einen sog. Lesehimmel zu konstruieren und zu bauen, und doch wird das ganz Projekt dann doch von jenen Stadtangestellten mit fadenscheinigen Ausflüchten, nach einer Betriebsdauer von mehreren Monaten, stillgelegt.

Nicht die Bildung der Schüler sondern finanzielle und wirtschaftliche Dinge stehen meist im Vordergrund. Politik sollte nicht über das wohl der Kinder entscheiden. Genau dies kann man als Grundtenor des Buches benennen.
Es öffnet einem die Augen für Möglichkeiten, sich im Schulalltag wieder auf das zu konzentrieren, worauf es sich zu konzentrieren lohnt. Die Schüler.

Leider kommt das Gymnasium, bzw. Lehrer an diesen Schulen nicht all zu gut bei diesen Interviews weg, obwohl es sich auch an diesen Schulformen und unter diesen Pädagogen einige gibt, die sehr ungehorsam arbeiten.

Fazit:
Absolutes Muss für jeden Pädagogen, der noch etwas verändern will!


Auszug
Rezension von Dr. Carl Rensinghoff, veröffentlicht in socialnet

Fazit Bildungsreformerinnen und -reformern und das gegenwärtige Bildungssystem Kritisierenden sei die Lektüre dieser Schrift wärmstens empfohlen. Wünschenswert wäre es, wenn es noch mehr querulatorische Psychopathen in der Bildungslandschaft gibt, die reformerisch und zum Wohle der zu Bildenden tätig werden.


Rezensison in
Zeitschrift für Heilpädagogik 12/2010

Ungehorsam im Schuldienst. Der praktische Weg zu einer Schule für alle

Reinhard Stähling, Barbara Wenders (Hrsg.) Der Band 66 der Reihe »Grundlagen der Schulpädagogik« von Reinhard Stähling und Barbara Wenders verspricht eine Kraftquelle für alle zu sein, die Schule grundlegend verändern wollen. Denn dieses Buch beschreibt Hilfen für den Umbau von Schule, die das traditionelle Schulwesen ins Wanken bringen. Der Untertitel verrät die Zielperspektive: Die Schule für alle. Und der Weg dorthin führt, wie zahlreiche Beispiele im Band belegen, oft über den „Ungehorsam im Schuldienst“. Das Herausgeberteam ist selbst erprobt im Verändern von Schule. Reinhard Stähling ist Schulleiter der Grundschule Berg Fidel in Münster, Barbara Wenders ist dort als Sonderpädagogin im Gemeinsamen Unterricht tätig. 2006 erschien von ihm bereits im gleichen Verlag ein Band mit hohem Innovationspotential: »›Du gehörst zu uns‹ – Inklusive Grundschule. Ein Praxisbuch für den Umbau der Schule«. Nun folgt konsequenterweise eine die Kreise erweiternde Ermutigungs- und Inspirationsschrift, die viele »Zeugen« für die NOT-Wendigkeit aufrichtig aufrechten Handelns zu Wort kommen lässt. Fotografisch wird der entsprechende Blick hierfür von Donata Wenders unterstützt. Und schon das Inhaltsverzeichnis inspiriert:
Unter »I. ›Der steinige Weg‹ – Ungehorsam im Dienste der Bildung« erzählen neun PädagogInnen in unterschiedlichen Praxisfeldern von ihren widerständigen Praktiken (Gerhard Sennlaub, Irmtraud Schnell, Brigitte Schumann, Ada Fuest, Gertraud Greiling, Walter Hövel, Manfred Pollert, Raimund Patt, Astrid Kaiser).
Vertieft wird dies unter »II. ›Skandal!‹ – Von Medien begleiteter Ungehorsam im Dienste der Bildung«, wo die Chronologie des Disziplinierungsversuchs eines »anstößigen« Schulamtsleiters (Heinz Kreiselmeyer) erzählt wird.
Im »Teil III. ›Andere Länder – Andere Sitten‹ – Ungeheure Horizonte für die Bildung« wird der Blick geweitet, indem ein kanadischer Schulamtsdirektor und Hochschullehrer (Gordon Porter) und seine Kollegin, Schulleiterin in New Brunswick (Jean Collicott), über die Entwicklung zu einem vollständig inklusiven System einer ganzen Provinz berichten und der südafrikanische Pädagoge und Widerstandskämpfer Neville Alexander von der Bedeutung des gemeinsamen Lernens im Gefängnis auf Robben Island erzählt. Zwischen all diesen anschaulichen Beispielen, denen stets ein kurzer Steckbrief zur befragten Person voran steht und die quasi im Gespräch entwickelt werden, bieten die Herausgeberinnen eigene Reflexionen an, zum einen jeweils als Exkurs zu verschiedenen Aspekten – wie pädagogische Grundüberzeugungen, juristische Fragen, vermeintliche Norm-Selbstverständlichkeiten, »listig widerspenstige« Eltern oder psychologische Überlegungen zu »Flüchten oder Standhalten?«, und zum anderen als »Sammlung praxiserprobter Ungehörigkeiten«. Diese werden in eine Übersicht gebracht und unter den Rubriken »Alltagsnotwendigkeiten«, »Widersprüche/ Widerstände«, »langfristige Visionen« und »erste Ungehörigkeiten« in systematische Teilschritte zerlegt. Ein weiterer Exkurs zur Geschichte des Ungehorsams in Praxis und Theorie rundet die Schilderung der listigen und erfolgreichen Modelle zur lebbaren Veränderung von Schule(n) ab – und das macht die Lektüre so nährend: Real existierende Menschen erläutern die von ihnen gestaltete Praxis mit »guten Gründen« – analytisch, getragen von Werten und Emotionen. Das vorliegende Buch ist ein Gewinn für alle pädagogisch interessierten Menschen, die nicht auf »bess’re Zeiten warten« wollen, sondern jetzt das in Schulen tun möchten, was ihr Gewissen ihnen nahe legt, die aus den Alltagsnotwendigkeiten heraus langfristige Visionen entwickeln und – weil sie mit den Widersprüchen und Widerstände integrierend umgehen wollen – mit ersten Ungehörigkeiten beginnen, ohne den Nordstern einer Schule mit inklusiven Kulturen, Strukturen und Praktiken aus den Augen zu verlieren. Dabei ist dieser Band eine große Hilfe!

Ines Boban


Reinhard Stähling, Barbara Wenders (2011):
Ungehorsam im Schuldienst. Der praktische Weg zu einer Schule für alle.
2. korrigierte und erweiterte Auflage.
Baltmannsweiler: Schneider Verlag.

„Ich war nicht mutiger als andere, ich war nur weniger feige.“
Gerhard Sennlaub

„Ungehorsam im Schuldienst“ – der Titel des 250 Seiten starken Buches von Reinhard Stähling und Barbara Wenders weckt sofort die Neugier der Leserin. Ungehorsam. Schuldienst. Sind das nicht zwei sich ausschließende, ja geradezu kontradiktorische Substantive? Der Untertitel lässt die Stoßrichtung des Ungehorsams erahnen: „Der praktische Weg zu einer Schule für alle“ – eine Schule für alle Schülerinnen und Schüler, die Begabten und Leistungsstarken, die Leistungsschwächeren und die stärker Förderbedürftigen (aus dem normalen Schulbetrieb ausgegrenzt als „Sonderschülerinnen und -schüler“), den Schülerinnen und Schülern, die aufgrund ihrer Herkunft schlechtere Startchancen haben oder denen gar aufgrund ihres unklaren Rechtsstatus als Flüchtlinge das Menschenrecht auf Bildung versagt wird. Dass auch die zweite Auflage des 2009 erstmals erschienenen Bandes immer noch hoch aktuell ist, möchte ich an einem Beispiel aus Hessen illustrieren: Am 25.2.2011 berichtet die Frankfurter Rundschau aus einer aktuellen Studie, dass die Zahl der Schulabbrecher in Hessen weiter ansteigt. 7 Prozent der Jugendlichen verlassen die Schule ohne Abschluss, wobei Förderschüler und die Schüler in Offenbach und Kassel besonders stark betroffen sind.

Was „Ungehorsam“ ist, wird von den Autoren nicht streng definiert, sondern die Bedeutung ist eher prototypisch im Band präsent: Ungehorsam als Verweigerung von Gehorsam gegenüber unsinnigen Rechtsvorschriften, Ungehorsam gegenüber der blind exekutierten Selektionsfunktion von Schule und Notengebung, Ungehorsam gegenüber vermeintlichen Sachzwängen. In diesem Sinne kann sich Ungehorsam ausdrücken als Einstellung und/oder praktisches Verhalten, kann öffentlich gemacht werden oder hinter geschlossenen (Klassen-)türen erfolgen, allein oder gemeinsam geplant oder situativ entstanden sein. Gemeinsam ist den Praxisbeispielen zivilen Ungehorsams aus verschiedenen Grundschulen, reformpädagogischen Einrichtungen und Brennpunktschulen sowie Heimen, dass sie verschiedenen, quasi von „oben“ verordneten Schulreformen vorausgehen.

Die besondere Qualität des Bandes stellt sich durch die Interviews ein, die die beiden Autoren in den Jahren 2007 bis 2009 mit 13 bekannten Schulreformen und -reformerinnen vorrangig aus Deutschland, aber auch aus Kanada und Südafrika, geführt haben: Gerhard Sennlaub, Irmtraud Schnell, Brigitte Schumann, Ada Fuest, Gertraud Greiling, Walter Hövel, Manfred Pollert, Raimund Patt, Astrid Kaiser, Heinz Kreiselmeyer, Gordon Porter, Jean Collicot und Neville Alexander. Die Darstellung selbst ist in drei Teile gegliedert:

Zunächst wird „»Der lange steinige Weg« – Ungehorsam im Dienste der Bildung“ (S. 9–171) vorgestellt, es folgt die Aufarbeitung eines in den Medien stark präsenten Fallbeispiels um den Schulamtsleiter Heinz Kreiselmeyer (S. 174–209), drittens wird dann den Bemühungen um eine inklusive Schule in Kanada (S. 213–227) und der Bildungsarbeit in südafrikanischen Gefängnissen zur Zeit der Apartheit nachgegangen (S. 241ff.). Zwischen den Interviewbeiträgen streuen die Autoren eigene als „Exkurse“ gekennzeichnete Beiträge, die zwar nicht im direkten inhaltlichen Zusammenhang mit den Interviews stehen, aber einige der dort gemachten Aussagen systematisieren bzw. weiterführen, insbesondere durch sehr hilfreiche tabellarische Übersichten zur Anregung eigener Reformtätigkeiten und Widerständigkeiten.
Für den Lesenden angenehm ist, dass er quasi nach Interesse quer durch das Buch lesen kann, die Beiträge folgen keiner festgelegten Reihenfolge.
Um es vorwegzunehmen: Alle Interviews bieten beeindruckende Beispiele für Zivilcourage gegenüber einer inhumanen Systemlogik – oftmals ungeachtet drohender Sanktionen und Konflikten mit Vorgesetzten, aber auch Kolleginnen und Kollegen und auch Eltern. Der biographische Zugang fesselt dabei besonders durch die unerschrockene Offenheit der Interviewpartnerinnen und -partner, die nicht mit moralischem Zeigefinger berichten, sondern sehr authentische Einblicke in ganz persönliche Erfahrungen und Konflikte geben (Es verwundert daher nicht, dass die Interviewten oftmals bereits dem Pensionsalter nahe oder bereits aus dem aktiven Schuldienst entlassen sind.) Die Betroffenheit, die sich beim Lesen einstellt, ist aber eine hoffnungsfrohe – trotz aller Widerstände sind Veränderungen möglich!
Aus der Fülle der gleichermaßen eindringlichen, ernüchternden wie ermunternden Lektüre der Einzelinterviews müssen aus Raumgründen zwei Beispiele praktischen Ungehorsams genügen:
Gerhard Sennlaub, ehemaliger Lehrer, Schulleiter und Schulamtsdirektor begründet ausführlich, was es heißt „vom Kind aus zu denken“ (S. 10), d.h. „pädagogisch anständig und vernünftig“ (ebd.) zu handeln. So lässt er zum Beispiel im Aufsatzunterricht die Kinder die Noten befinden (im Ansatz zumindest im Sinne von Schreibkonferenzen ein Element heutiger Feedbackkultur im Rahmen der prozessorientierten Schreibdidaktik), akzeptierend, dass die Noten mangelhaft oder ungenügend für die Kinder nicht existieren. Im Rechtschreibunterricht unterläuft er ebenfalls die Ausschöpfung der vollen Notenskala. Dem Benotungszwang werden auch von anderen interviewten Schulreformern etwa Maßnahmen wie Bewertungsgutachten mit Förder- und nicht Defizitorientierung entgegengehalten, wie sie teilweise dann schulrechtlich im Nachhinein auch abgesegnet wurden. Als Pädagoge macht er sein Vorgehen den Eltern transparent, zwingt es aber keinem Kollegen und keiner Kollegin auf. In einer Stadt hat er in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung eine Sonderschule für Lernbehinderte aufgelöst. Besonders aufschlussreich war für mich, dass (nicht nur) Sennlaub den Prozess von Schulreformen als Weg von unten nach oben kennzeichnet (vgl. z.B. S. 15f.), d.h. Praxisveränderungen aufgrund ihrer Notwendigkeit angedacht, erprobt, durchgeführt und verbreitet werden (so etwa das Freie Arbeiten und das Arbeiten nach Wochenplan) – Neuerungen und Veränderungen der Schulkultur, die dann im Nachhinein durch Schulreformen verbindlich oder zumindest legitimiert werden.
Gertraud Greiling, Gründerin des Gievenbecker Projekts und ehemalige Schulleiterin der Wartburgschule, berichtet von ihren Reformbemühungen und rät, Reformen immer schrittweise und in angemessenem Tempo anzugehen. Ihre Ganztagsschule beginnt mit Spendengeldern, die den Einsatz einer Erzieherin mit einer halben Stelle ermöglichten, führte über die Abschaffung bzw. Umgestaltung einer Hausaufgabenpraxis, die die leistungsschwächeren Kinder benachteiligte und erforderte gelegentliche Mogeleien wie das Einüben von Diktaten, die eigentlich ungeübt geschrieben werden sollen. Manches hat kafkaeske Züge, etwa wenn sie für ihre Schule vom Schulamt Teppiche wünscht und die zerschlissenen Altbestände von einem Gymnasium erhält, das gerade einen neuen Teppich bekam. Den Kampf um jede einzelne Ressource, vom Einsatz eines Zivildienstleistenden bis hin zur Ausstattung der Räume schildert sie mit viel Humor und Augenzwinkern – sie habe immer für die Menschen, nicht gegen die Menschen gestritten. Aufschlussreich sind auch ihre Erinnerungen an die Praxis der Notenvergabe – so wurden in ihrer Klasse Lernentwicklungsberichte angelegt, die den Schülerinnen und Schülern eine differenzierte Rückmeldung geben sollten und die große Zustimmung bei den Eltern fanden. Für die weitere Schullaufbahn sei dies nicht hinderlich, sondern im Gegensatz förderlicher gewesen als reine Noten. Denn ihre Schüler wollten wissen, warum sie nun genau eine vier erhalten hatten, d.h. was sie noch üben könnten, wo genau sie nacharbeiten mussten usw.
Wie aus der vorangegangenen Besprechung hervorgeht, halte ich das Buch für außerordentlich lesenswert und möchte es Studierenden wie Referendaren, jungen wie gestandenen Lehrerinnen und Lehrern und Ausbilder/-innen wie auch allen mit Schule befassten Personen in der Kultusbürokratie und darüber hinaus sehr empfehlen. Einige ungeklärte Fragen bzw. Ratlosigkeiten am Ende der Lektüre seien aber nicht verschwiegen: Die von den Schulreformern und -reformerinnen angestoßenen Veränderungen der Schulkultur sind beeindruckend und ausnahmslos auf die Bildung und die Würde der Schülerinnen und Schülern gerichtet.
Die versammelten tabellarischen Übersichten liefern Praxisanregungen und -anleitungen zum Handeln – allein oder im Verbund mit Gleichgesinnten, Eltern usw. Wie aber ist die weitere Schulentwicklung machbar? Besteht sie in der Summe von einzelnen, verantwortungsvoll durchgeführten Praxisänderungen und Widerständigkeiten gegenüber Bestehendem und bestehendem Unsinn durch besonders engagierte, quer denkende Lehrerinnen und Lehrer?
Ist die „Schule für alle“ erreichbar – wenn nicht die grundsätzliche Frage des Schulsystems diskutiert wird und strukturelle Veränderungen realisiert werden? Sollen sich derartige Veränderungen der Schulkultur in einem bundeseinheitlichen Rahmen vollziehen oder bleibt es bei schulspezifischen, regionalen bis länderweiten Regelungen? Verdeckt der Ruf nach Eigeninitiative und Engagement der einzelnen Kolleginnen und Kollegen nicht grundlegende strukturelle Defizite und Machtstrukturen, die Veränderungen durch den Souverän bedürfen – den Bürgerinnen und Bürgern, die über die Schule entscheiden müssen, die sie wollen? Und – inwiefern bieten oder verhindern die Konkretisierungen der Bildungsstandards in den Bundesländern als Schulreform „von oben“ Möglichkeiten hin zur „Schule für alle“?
Bleibt zu hoffen, dass der in den versammelten Beiträgen geschilderte Wandel hin zu einer humanen, alle Schülerinnen und Schüler fördernden und respektierenden Schule, weitergeht und die Diskussion um die grundsätzlichen Strukturveränderungen verstärkt, wie etwa die Auflösung der Selektionslogik der Sonderpädagogik. Das Buch ist hierfür eine unschätzbare Inspirationsquelle.

Katja Faulstich-Christ


Rezensison in Zeitschrift für Humane Schule Mai 2011

Reinhard Stähling

Was wir von heutigen Schulreformern lernen können

„Auf dieses Buch habe ich schon seit vielen, vielen Jahren gewartet und sicherheitshalber schon mal einen Platz im Regal freigehalten. Ich wusste, es wird eines Tages erscheinen. Wahrscheinlich hat es die Zeit gebraucht, bis sich Autorinnen gefunden haben, um mit ihrer ,Geschichte? an die Öffentlichkeit zu gehen. Barbara Wenders und Reinhard Stähling ist es zu verdanken, dass dieses Werk über ,Akte des Ungehorsams’ das Licht der Öffentlichkeit erblickte.“

So beginnt die Rezension von Günther Schmidt-Falck im online-Magazin „Auswege“ und schließt mit dem Fazit: „Dieses Buch bietet einen atemberaubenden Einblick in Inkompetenz, Peinlichkeiten und Unterdrückungsmechanismen im Schul- und Erziehungsbereich. Zwanghafte und ängstliche Rektorinnen, kleingeistige Schulaufsichtspersonen und angepasste Politikerinnen werden immer wieder beschrieben. Die Interviews ermöglichen weiterhin einen Blick hinter die Kulissen einer schäbigen Kultus- und Schulbürokratie. Wer glaubt, das Buch würde einem beim Lesen den letzten Nerv rauben, wenn man sich mit solchen unglaublichen Vorgängen beschäftigt, irrt allerdings. Im Klappentext heißt es: ,Das Buch bietet Hilfen für den Umbau der Schulen und beschreibt an fassbaren Beispielen, wie das traditionelle Schulwesen ins Wanken kommt: Eine Kraftquelle für alle, die Schule verändern wollen? Bingo! Diese Kraftquelle erlebte ich beim Lesen von Kapitel zu Kapitel aufs Neue.“

Auch Christian Prior ist begeistert von den heutigenSchulreformern und schreibt in „Lehrerbibliothek.de“: ,Viva la revolucion! Hasta la victoria siempre!? – so oder so ähnlich könnte man alle Personen, die in diesem Buch als Interviewpartner befragt werden, beschreiben.” Und er resümiert wie viele andere Rezensenten: „Absolutes Muss für jeden Pädagogen, der noch etwas verändern will!“

Was fasziniert so viele Leser an den klaren,ungeschminkten Worten z. B. des ehemaligen Schulrates Gerhard Sennlaub oder der ehemaligen Schulleiterin der Wartburgschule Münster? „Die authentischen Schilderungen ließen mich teilhaben an politischen Kämpfen, Zweifeln und persönlichem Wachstum. Da gibt es Menschen, die sich mit Zuständen und Strukturen nicht abfinden konnten und wollten. Menschen, die sich durchgesetzt haben, nicht zerbrochen sind. Manchmal mussten sie klug handeln: Zwei Schritte zurück, bevor es wieder einen Schritt weiter gehen konnte. Aber sie sind gegangen. Aufrecht. Haben sich nicht verbiegen lassen. Haben für ihre Ideen und um ihren Platz, an dem sie arbeiteten und lebten, gekämpft. Die Lektüre war ein echter Gewinn!“ (Günther Schmidt-Falck)

„Lesenswert für jeden engagierten Pädagogen und Pflichtlektüre für die Schulaufsicht vom Schulrat bis zum Kultusminister“, so Karl-Heinz Platte.

2011, schon ein Jahr nach seinem Erscheinen, liegt das Buch „Ungehorsam im Schuldienst“ in leicht verbesserter und erweiterter 2. Auflage vor – ein Zeichen für seine hohe Aktualität. Anspornende Rückmeldungen erreichten die Autoren von leitenden Ministerialbeamten, führenden Wissenschaftlern, von Menschenrechtsinitiativen, von Behindertenvertretern und von etlichen sogenannten „einfachen“ Lehrern, die eigentlich – wenn man die 13 interviewten Schulreformer richtig versteht die Helden dieses Buches sind.

Im Jahr 2010 bekam sogar ein scheidender Schulleiter in einer westfälischen Ortschaft „Ungehorsam im Schuldienst“ als Abschiedsgeschenk von der Schulaufsicht – so in einem anerkennenden Beitrag der Westfälischen Nachrichten” zu lesen. Ungehorsam als konsequentes Handeln von Beamten, die auf die Verfassung vereidigt wurden! Ein kleines Symbol der Hoffnung.

*) Reinhard Stähling, Barbara Wenders Ungehorsam im Schuldienst. Der praktische Weg zu einer Schule für alle, 2. Auf!., Baltmannsweiler (Schneider Verlag Hohengehren) 2011, 256 S., € 19,80

Der Autor: Dr. Reinhard Stähling, Leiter der Grundschule Berg Fidel in Münster
www.ggs-bergfidel.de


© 2011 Prof. i.R. Dr. Reimer Kornmann

Unterrichtspraktische Impulse für Inklusion

(Referat bei der Teilpersonalversammlung des Staatlichen Schulamts Mannheim am 29.03.2011 in Mosbach)

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr wahrscheinlich werden Sie meine Ausführungen mit sehr unterschiedlichen Erwartungen aufnehmen und verarbeiten. Dies ist sicher abhängig von Ihrer Lebensgeschichte, die stark von Ihren Erfahrungen mit Schule und Unterricht – sowohl in Ihren Rollen als Lernende wie auch als Lehrende – geprägt sein dürfte.
Diese Prägungen durch schulbezogene Erfahrungen fallen bei Ihnen vermutlich recht unterschiedlich aus. Auf diese Unterschiede gehe ich aber nicht weiter ein, sondern ich will in einem ersten Abschnitt versuchen, Ihre gemeinsamen Erfahrungen zu umreißen. Diese Erfahrungen haben viel mit dem Thema Inklusion zu tun – wenn auch mit eher negativem Vorzeichen. Immerhin können daran wichtige Erkenntnisse anknüpfen, die zum Verständnis des sehr schillernden Begriffs der Inklusion beitragen.
Inklusion ist ja vor ziemlich genau zwei Jahren in Deutschland, nämlich am 26. März 2009, zu einem wichtigen bildungspolitischen Thema geworden, weil hier an diesem Tage die UN-Konvention zu den Rechten von Menschen mit Behinderungen in Kraft getreten ist. Bekanntlich verpflichtet sie die Vertragsstaaten, ein inklusives Schulsystem auf allen Ebenen zu schaffen. Die Frage, was unter Inklusion zu verstehen ist und welche Chancen sich hieraus für die Weiterentwicklung des Schulwesens ergeben, möchte ich im zweiten Abschnitt meiner Ausführungen behandeln.
In diesem soll deutlich werden, dass entscheidende Schritte auf dem Weg zu einem inklusiv ausgerichteten Schulsystem nur in der Überwindung separierender Strukturen und Mechanismen bestehen können. Diesen Meilenstein haben viele europäische Länder, vor allem aber Kanada und die USA, schon seit längerem hinter sich gelassen. Bei solchen internationalen Vergleichen wird deutlich, wie eng der Rahmen im deutschen Bildungssystem für eine inklusive Unterrichtspraxis gezogen ist. Daraus ergibt sich die Frage, ob und wie dennoch Elemente einer inklusiv orientierten Unterrichtsgestaltung unter den derzeit gegebenen Bedingungen entwickelt werden können. Dieser Frage möchte ich in einem dritten Abschnitt anhand eines praktischen Beispiels nachgehen.

1. Gemeinsame Erfahrungen deutscher Lehrerinnen und Lehrer

Uns alle verbindet zumindest ein wichtiges Merkmal, das uns von der Mehrzahl unserer deutschen Zeitgenossen deutlich abhebt: Wir haben den höchsten Bildungsabschluss – bzw. ein entsprechendes Äquivalent dafür – erreicht, den das deutsche Schulwesen zu vergeben hat – egal, wie leicht oder schwer dieses im Einzelfall auch gewesen und wie gut der jeweilige Notendurchschnitt letztendlich auch ausgefallen sein mag. Man kann auch sagen, dass wir alle Hürden des Schulsystem – wenn auch vielleicht nicht immer beim ersten Anlauf – erfolgreich übersprungen (oder vielleicht auch unterlaufen) und somit einen durchaus privilegierten Status in der Gesellschaft erreicht haben. Mit Recht dürfen manche von uns hierauf stolz sein, insbesondere dann, wenn sie diesen schulischen Erfolg trotz widriger Bedingungen und dank besonderer Anstrengungen erkämpft oder ihn mit List und Tücke errungen haben.
Letztendlich aber verdanken wir unseren Erfolg auch unseren Konkurrentinnen und Konkurrenten, die entweder an den Kriterien des höchsten schulischen Erfolgs gescheitert sind oder sich diesen Kriterien aus verschiedenen Gründen nicht gestellt haben oder nicht stellen konnten.
Ich halte diesen Aspekt schulischen Erfolgs für grundlegend. Zugleich vermute ich, dass er vielen von uns so selbstverständlich, ja geradezu so trivial erscheinen mag, dass er kaum artikuliert, geschweige denn gründlich hinterfragt wird. Hinzu kommt die Tatsache, dass man verständlicherweise leicht und gern dazu neigt, Kriterien, die einen selbst begünstigen, stillschweigend zu akzeptieren und vor Kritik in Schutz zu nehmen. Diese Kriterien, allen voran die versetzungsrelevanten steuernden Noten, bilden die Mechanismen des ausleseund wettbewerbsorientierten Bildungswesens. Wir selbst sind Nutznießer dieser Mechanismen, und daher kann uns zunächst einmal eine gut nachvollziehbare, lebensgeschichtlich sinnvoll begründete Loyalität zu unserem Schulsystem unterstellt werden. Ist es doch verständlich, dass man den Sinn und die Berechtigung von Regeln, die einen selbst begünstigen oder begünstigt haben, nur sehr ungern in Zweifel zieht und eigentlich nur solche Bedingungen ändern möchte, die einen selbst benachteiligen oder behindern.
Diese Loyalität zum Schulsystem ist vielleicht während der Studienzeit bei dem einen oder der anderen von uns durch kritische wissenschaftliche Impulse mehr oder weniger stark ins Wanken geraten, letztlich ist es aber verständlich, wenn diese loyale Einstellung, bedingt auch durch die Erfahrungen im Referendariat, weitgehend in die Dienstzeit „hinüber gerettet“ und dort eher noch gefestigt als erschüttert wurde. Je stärker nun diese Loyalität bei jeder einzelnen Lehrperson ausgeprägt ist, desto schwerer wird es für sie sein, sich mit alternativen schulorganisatorischen und pädagogischen Konzepten interessiert, offen und konstruktiv auseinander zu setzen. Diese Aussage mag etwas ironisch klingen, doch so ist sie keinesfalls gemeint. Sie umschreibt vielmehr einen sinnvollen Kerngedanken mit wahrscheinlich hohem Erklärungswert, und sie nimmt dabei
Bezug auf eine wichtige gesellschaftspolitische Kategorie, die der Privilegierung. Sie ist zentral für den Begriff der Inklusion.

2. Zum Begriff der schulischen Inklusion

Beim Begriff der schulischen Inklusion sind zwei Aspekte voreinander zu unterscheiden: der schulorganisatorische und der unterrichtspraktische.
Der schulorganisatorische Aspekt beinhaltet der Idee nach, dass auf jede Form von Auslese und Separierung verzichtet wird. Auslese und Separierung sind eng verbunden mit der vertikalen Gliederung unseres Bildungssystems. Dazu eine Anmerkung: Üblicherweise ist von dem dreigliedrigen Schulsystem die Rede, jedoch existieren zusätzlich zwei der Sonderpädagogik zugeordnete Schulformen mit noch geringer eingeschätzten Abschlüssen: nämlich die Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen – vormals Sonderschule für Lernbehinderte – und die Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung – vormals Sonderschule für Geistigbehinderte. Den fünf Niveaustufen entsprechen also verschiedene Abschlüsse von jeweils unterschiedlichem Wert für die weitere Lebensgestaltung. Die verschiedenen Möglichkeiten zur Wahrnehmung sozialer Chancen (Stichwort Qualifikation) und der Persönlichkeitsentfaltung (Stichwort Bildung) müssen hier nicht im Einzelnen erörtert werden, es genügt zu erkennen, dass es viele gute Gründe gibt, den höchstmöglichen schulischen Bildungsabschluss anzustreben und die minderen zu meiden. Wer jedoch im Wettbewerb um die begehrenswerten Plätze im Schulsystem ins Hintertreffen gerät, könnte dies als Ausschluss oder Diskriminierung empfinden – ein Zustand also, der das Gegenteil von Inklusion umschreibt.
Nun kann aber ein gesellschaftlichen Zustand, in dem Privilegierung und Diskriminierung herrschen, nur aufrecht erhalten werden, wenn ihn sowohl die benachteiligten als auch die bevorzugten Menschen als gerecht und gerechtfertigt, eben als „normal“, erleben können. Die ideologische Stütze hierfür bietet die Theorie der angeborenen Begabungsunterschiede, und als Instrument ihrer Feststellung dienen die Zensuren in Form von Ziffern-Noten. Sie bilden den Kern der Diskriminierung und verhindern grundsätzlich alle weiteren Entwicklungen auf dem Weg zur Inklusion.
Eine etwas differenziertere Betrachtung ist jedoch bei Menschen mit Beeinträchtigungen ihrer Sinnestüchtigkeit, ihrer sprachlichen und motorischen Fähigkeiten und mit sozial-emotionalen Problemen angebracht: In Deutschland werden sie zu großen Teilen in eigens dafür eingerichteten Sonderschulen oder – nach aktueller Terminologie – in Förderschulen unterrichtet. Zur Analyse ihrer Situation greift die Kategorie der Privilegierung nur bedingt: Die entsprechenden Einrichtungen sind meistens personell und materiell relativ gut ausgestattet, was ja durchaus anerkennenswert ist. Die schulorganisatorische Separierung wird damit begründet, dass nur eine auf die jeweilige Beeinträchtigung zugeschnittene spezielle pädagogische Förderung in eigens dafür vorgesehenen Einrichtungen die bestmögliche Entwicklung gewährleiste.
Eine solche Begründung lässt sich jedoch weder mit pädagogischen Argumenten, noch mit den Ergebnissen praktischer Erfahrungen und empirischer Forschung halten – zumindest nicht in dieser absoluten Form. Die Idee der Inklusion würde für junge Menschen mit Beeinträchtigungen beinhalten, dass ihnen die gleichen Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten geboten werden wie solchen Kindern, die keine Beeinträchtigungen aufweisen, und dass sie dabei alle Hilfen erhalten, die für die Ausbildung ihrer Entwicklungspotenziale erforderlich sind. Dies geschieht am besten in einer Schule für alle.
Dieser Gedanke leitet nun über zum schulpädagogischen Aspekt von Inklusion.
Es genügt, wenn ich diesen hier nur sehr grob skizziere, hängen doch alle wesentlichen Merkmale von einem entscheidenden Kriterium ab, dem schon angesprochenen Verzicht auf Ziffern-Noten.

Eine inklusiv orientierte pädagogische Praxis

  • geht von der normalen Vielfalt pädagogisch bedeutsamer Merkmale der Schülerinnen und Schüler aus,
  • betont die Chancen, die sich hieraus für gemeinsame Lern- und Entwicklungsprozesse ergeben, indem sie die Unterschiede der Lernvoraussetzungen und Lernerfahrungen als Bedingung wechselseitiger Anregungen und Unterstützungen nutzt, und damit auf kooperative Lernformen setzt,
  • bevorzugt Inhalte und Formen schulischer Lernangebote, welche die unterschiedlichen Begabungen aller Lernenden und deren biografisch bedingte Erfahrungshintergründe respektieren,
  • versucht zugleich aber auch, ungünstig wirkenden Milieueinflüssen oder Erfahrungsdefiziten einzelner Kinder wirksam zu begegnen und ihre negativen Folgen auszugleichen, wozu sicherlich in vielen Fällen Unterstützung durch Schulsozialarbeit erforderlich ist.
  • fordert von jedem Kind ein Höchstmaß seiner Lernleistungen – gemessen an dessen individuellen Möglichkeiten.

Diese idealen Merkmale einer inklusiven Unterrichtsgestaltung lassen sich am ehesten und am besten in einem zensurenfreien Raum verwirklichen, mehr noch: Wer sich konsequent an ihnen orientiert, stellt die Ordnungsprinzipien unseres Schulsystems, zumindest im Bereich des öffentlichen Schulwesens, in Frage. Allerdings lassen sich solche subversiven Gegenbewegungen, die über die eng gezogenen Grenzen pädagogischen Denkens und Handelns hinausweisen, auch in der unterrichtspraktischen Realität hin und wieder finden. Entsprechende Beobachtungen und Berichte können denjenigen Mut machen, die sich für eine inklusive Pädagogik engagieren, und sie bieten vielleicht denjenigen, die sich damit noch nicht intensiv auseinandergesetzt haben, neue Perspektiven. Daher möchte ich abschlie§end ein praktisches Beispiel anführen, das an die Überlegungen und Analysen zur Leistungsbeurteilung anknüpft.

3. Beispiel für eine inklusiv gestaltete Unterrichtssequenz

Das nachfolgend dargestellte Beispiel wurde im Rahmen der schulpraktischen Ausbildung, an der ich mich im Rahmen meiner Aufgaben an der Pädagogischen Hochschule beteiligte, gewonnen – und zwar bereits gegen Ende der 70er Jahre. Es lässt aber bereits bildungspolitische und bildungstheoretische Perspektiven erkennen, die meines Erachtens aktuell und richtungsweisend für die Entwicklung inklusiver pädagogischer Konzepte sind.
Ich beobachtete einen Studenten bei einer Rechenstunde. Er stellte den Kindern Aufgaben, die im Kopf zu lösen waren und ging dabei durch die Bankreihen. Dabei achtete er auf die Kinder, die sich meldeten und ließ sich von ihnen die Lösung ins Ohr flüstern. Nachdem alle Kinder, die sich gemeldet hatten, auch berücksichtigt worden waren, ließ er zunächst die Aufgabe wiederholen und rief danach gezielt bestimmte Kinder auf, die Lösung zu sagen und zu wiederholen.
Es waren immer richtige Lösungen, und sie wurden auch und gerade von den leistungsschwachen Kindern eingebracht.
Für diese als schwächer geltenden Kinder mag es ein besonders wohltuendes Erlebnis gewesen zu sein, mit richtigen Lösungen identifiziert zu werden und hierfür Anerkennung zu erhalten – so wie für alle anderen auch. Durch die Wiederholungen der richtigen Lösungen im Zusammenhang mit der erneut vorgegebenen Aufgabenstellung ergaben sich auch Lerngelegenheiten für diejenigen Kinder, die die Aufgabe falsch oder gar nicht gelöst hatten, ohne dass sie dabei negativ vor der Klasse auffielen oder gar bloß gestellt wurden. Gleichwohl war es aber dem Lehrer möglich, solche Schwierigkeiten zu erkennen, um sich für das nächste Mal gezielte Hilfen und Erleichterungen zu überlegen. Keinesfalls war also die Unterrichtssituation für irgendwelche Kinder, die bestimmte Schwierigkeiten hatten, beängstigend. Ihre Schwierigkeiten wurden zwar von dem Lehrer erkannt, fielen aber ansonsten nicht auf.
Gehen wir mit der Analyse dieses Beispiels nun noch einen Schritt weiter, nämlich – wie schon angedeutet – in den Bereich der Bildungspolitik und der Bildungstheorie.
Der Student hat nämlich mit diesem beschriebenen Unterrichtsausschnitt ein kleines, aber gut erkennbares Stück Widerstand geleistet gegen die Logik der ausleseorientierten Schulsystems. So lange nämlich die Leistungen der Kinder mit Noten bewertet werden und so lange die Noten ausschlaggebend für das Weiterkommen und Zurückbleiben im System sind, so lange wird von allen Lehrkräften erwartet, dass sie die Noten nach gerechten Maßstäben und anhand transparenter Kriterien vergeben. So hätte es beispielsweise der Logik des Systems entsprochen, allen Kindern etwa gleich viele Aufgaben mit jeweils annähernd gleicher Schwierigkeit zu stellen und alle Kinder in etwa gleicher Häufigkeit ihre Lösungen sagen zu lassen. Im Sinne des Prinzips der Gerechtigkeit hätte so jedes Kind gleiche Chancen erhalten, und die Bekanntgabe der Lösung vor der ganzen Klasse hätte dem Prinzip der Transparenz entsprochen. Auf diese Weise wären erkennbare interindividuelle Leistungsunterschiede erzeugt worden, die klare Einteilungen ermöglichen:

  • Kinder, die alle Aufgaben richtig lösen,
  • solche, die einen gro§en Teil der Aufgaben richtig lösen,
  • solche, bei denen sich die richtigen und falschen Aufgaben die Waage
    halten,
  • solche, die nur wenige Aufgaben richtig lösen und
  • schließlich solche, die nur falsche Lösungen produzieren.

Beobachtungen dieser Art hätte der Lehrer registrieren und in seine Urteilsbildung über die Note in Mathematik einfließen lassen können.
Auf diese Prinzipien der ausleseorientierten Gerechtigkeit und Transparenz hat nun aber der Student zugunsten eines pädagogischen Prinzips, das humanen Bildungsvorstellungen verpflichtet ist, verzichtet.
Auch wenn das Beispiel nur ein winziges Geschehen innerhalb der gesamten Bildungslandschaft darstellt, so lässt es doch erkennen, dass Widerständigkeit des Denkens und Handelns im Bereich der Pädagogik nicht nur möglich ist, sondern auch mit guten pädagogischen Argumenten vertreten werden kann. Insofern stellt es die Logik der bildungspolitisch gewollten Aussonderung ein kleines Stück in Frage. Zugleich zeigt das Beispiel, dass sich der Lehrer – zumindest in der geschilderten Situation – von den üblichen Erwartungen und Vorgaben der Ausleseorientierung befreit und insofern einen Ansatz von Widerständigkeit und Mündigkeit gezeigt hat. Das sind nun Persönlichkeitsmerkmale, die dem Gedanken der Bildung im Sinne von Heinz-Joachim Heydorn (1916–1974) durchaus nahe kommen1 (Heydorn, 1979).
Vielleicht wird das heute kaum noch bekannte, aber sehr tragfähige und umfassende Werk von Heydorn mit dem Konzept der Inklusion wieder aktuell.
Anlass zu entsprechender Hoffnung gibt ein wunderbares, spannend zu lesendes Buch mit authentischen Berichten und Interviews mutiger, fantasievoller und weitsichtiger Schulleute, auf das ich Sie gerne empfehlend hinweisen möchte.
Der Titel: „Ungehorsam im Schuldienst – Der praktische Weg zu einer Schule für alle“, herausgegeben von Reinhard Stähling und Barbara Wenders, erschienen 2011 in 2. Auflage im Schneider Verlag Hohengehren.

1 Siehe Heydorn, H.-J. (1979): Der Widerspruch von Bildung und Herrschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp. Heydorn war ein überzeugter Gegner jedweder Auslese, die das hierarchisch gegliederte Schulsystem in Deutschland begründet.


Karl-Heinz Platte in nds 4-2010

Reinhard Stähling/Barbara Wenders

Ungehorsam im Schuldienst

Der praktische Weg zu einer Schule für alle

Schneider Verlag;
Baltmannsweiler 2009;
ISBN 978-3-834005502;
255 Seiten; 19,80 Euro

Ein bunter Strauß – vornehmlich praktischer – Erfahrungen und ideen aus der Schule und für die Schule:
Im ersten Kapitel werden zwölf Pädagogen aus dem Bildungsbereich interviewt. Anschaulich und spannend berichten sie aus ihrem pädagogischen Alltag. Versuche, gegen den verordneten Trott, gegen sinnlose Vorschriften und unsinnige Bevormundung anzugehen. Es wird gezeigt, wie Schule gelingen kann, wenn Lehrer es als ihre Aufgabe ansehen, pädagogisch verantwortungsvoll zu handeln, auch ohne „um Erlaubnis einzukommen“. Die (typisch deutsche) Angst vor Autoritäten ist nirgends so kontraproduktiv wie im Lehrerzimmer und im Klassenraum. Wer allerdings das Wohl des Kindes/des Jugendlichen an die erste Stelle setzt, hat auch in unserer Schule viele Möglichkeiten. Was im Umkehrschluss auchheißt: Da die überfällige Wende in der deutschen Schulpädagogik, in Schulpolitik und Schulstruktur, kaum zu erwarten ist, sind der einzelne Lehrer, das Pädagogen-Team, die Schule vor Ort gefordert, sinnvolle pädagogische Arbeit zu leisten, auch im Ungehorsam gegen überkommene Vorschriften. Die Beispiele der Interviewten machen dazu Mut, auch wenn sie ab und an ein wenig selbstgefällig daherkommen.

Zwischen die Interviews setzen Stähling und Wenders Exkurse, theoretische Hinweise, Überlegungen und Ausblicke, die nicht immer einen unmittelbaren Bezug zu den Gesprächen haben.

Besonders eindringlich untermauern sie dabei die Notwendigkeit, unsere Schulen endlich inklusiv zu gestalten.
Der zweite Teil des Buches ist dem „Fall“ des bayrischen Schulaufsichtbeamten a.D. Heinz Kreiselmeyer gewidmet. Nach der Chronologie seiner Disziplinierung durch die Regierung von Mittelfranken berichtet das CSU-Mitglied (!) Kreiselmeyer in einem interview von seiner Arbeit als Schulamtsdirektor und Seminarleiter, vom vielfältigen „Druck von oben“ bei seinen Versuchen, Schule ohne übermäßige Rücksicht auf die rigide Bildungsadministration zum Wohl der Kinder zu gestalten.

Im letzten Kapitel kommen ein Hochschullehrer und eine Schulleiterin aus Kanada zu Wort. Ihre reformerischen Ansätze „von unten“ bewirkten letztendlich die Strukturänderung des kanadischen Schulsystems.

Zum Abschluss der Bericht von Prof. Dr. Neville Alexander, ehemaliger südafrikanischer Freiheitskämpfer und Mithäftling von Nelson Mandela, über Bildungsarbeit unter schwierigsten Bedingungen – im Gefangenenlager auf Robben Island. Seit Beendigung der Apartheid arbeitet Alexander als Direktor der Bildungsinstitution für alternative Pädagogik erfolgreich in seiner Heimat.
Fazit: Das Buch zeigt eine bunte Palette pädagogischer Möglichkeiten, nachahmenswerte Beispiele für den Schulalltag, wissenschaftliche Begründungen für überfällige Reformen, kleine Schritte und große Erfolge – lesenswert für jeden engagierten Pädagogen und Pflichtlektüre für die Schulaufsicht vom Schulrat bis zum Kultusminister.
Karl-Heinz Platte

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„Du gehörst zu uns“ Inklusive Grundschule

Ein Praxisbuch für den Umbau der Schule

Schneider-Verlag Hohengehren Baltmannsweiler 2006
Im Buchhandel erhältlich
ISBN-13: 978-3-8340-0109-2

Astrid Kaiser schreibt im Vorwort:

„Selten habe ich ein Buch gelesen, das so voll aus Engagement und Zukunftsvision entwickelt worden ist und doch gleichzeitig mit beiden Beinen in der Praxis steht und konkrete machbare Praxisschritte auf allen Ebenen glaubwürdig zeigt.Der Untertitel „ein Praxisbuch für den Umbau der Schule“ hält, was er verspricht. (…) Ich habe den Eindruck, dass dies das erste Buch ist, das den Ansprüchen von Urie Bronfenbrenner und Nel Noddings, ein Caring Curriculum für die Gegenwart – gerade in Hinblick auf Jungen – zu schaffen, eine konkrete konstruktive Antwort gegeben hat. (…)Als Herausgeberin dieser Reihe kann ich nur betonen, wie stolz ich bin, ein Buch präsentieren zu dürfen, das in mehrfacher Hinsicht ein Fortschritt in der Pädagogik ist.“

REZENSION in GRUNDSCHULE Heft 9/Juni 2007
Reinhard Stähling
„Du gehörst zu uns“ Inklusive Grundschule
Ein Praxisbuch für den Umbau der Schule. Schneider. Hohengehren 2006, 184 Seiten, € 18,00
Reinhard Stähling, der Autor dieses Buches, ist Schulleiter einer Grundschule in einem sozialen Brennpunkt in Münster und wird durch seine Konzeption zu einem wichtigen Reformpädagogen unserer Tage. Es gelingt ihm, seine Erfahrungen und zukunftsweisenden Ideen in einer Art darzustellen, dass sich die Leser fasziniert auf den programmatischen Weg zum „Umbau der Grundschule“ mitnehmen lassen.
Das erreicht er, weil neben dem wissenschaftlichen Anspruch die Liebe zu den Kindern zu spüren ist. Doch auch die Lehrkräfte, Eltern und alle pädagogischen Mitarbeiter einer Schule werden zu einem liebevolleren Umgang miteinander ermutigt.
Im ersten Teil seines Buches liefert Stähling stichhaltig und überzeugend die Begründung für die Notwendigkeit eines Umbaus unseres Schulsystems. Dabei macht er deutlich, dass vor allem Kinder aus armen Familien oft auf ihr Recht auf Bildung und Förderung verzichten müssen. Auch ist der allgemeine Gesundheitszustand dieser Kinder häufig schlechter. Weiterhin beleuchtet werden Auswirkungen und Folgen der Halbtagsschule, der Lebensumstände von Kindern, der jährlichen Kosten des selektiven Schulsystems durch Klassenwiederholungen, die Auswirkungen von behindernden Vorschriften und Bürokratie sowie die Überlastung der Lehrkräfte.
Das von ihm vorgestellte „inklusive“ Konzept erweitert den Blickwinkel: Rechte der Kinder werden ernst genommen, alle Kinder werden in gleicher Weise in die Bildungsund Betreuungsbemühungen eingeschlossen. Es geht allgemein um ein neues Verständnis des Miteinanders der Kinder. Auf dem Titelbild steht dafür symbolisch die Kinderzeichnung mit der Sprechblase: „Kom in meine Ame“. Dieser Aufruf gegen Aussondern und Teilen der Schülerschaft will vor allem den so genannten „schwachen Schülern“ helfen.

Den zweiten Teil des Buches gestaltet Stähling zu einem praktischen Arbeitsbuch für alle, die an einer Umgestaltung unseres Bildungswesens interessiert sind: Gangbare, zum großen Teil in der Grundschule „Berg Fidel“ in Münster erprobte Wege, werden aufgezeigt: Die Teamschule als Gegenkonzept zum Lehrer als Einzelkämpfer, die „inklusive“ Schule als Gegenkonzept zur gängigen Praxis der Selektion.
Durch viele Beispiele und Einzelbeobachtungen aus dem Schulalltag entsteht ein klares Bild, wie Inklusion in der Praxis aussehen kann und was sie bewirkt. Einzelne Elemente werden wie Bausteine dargestellt:

  • Gesundheitsfördernde Prinzipien, die ein Lernen in einer Atmosphäre des Wohlfühlens ermöglichen: Mitbestimmung von Kindern, Eltern und Mitarbeitern, Regeln, Rituale, Klassen- und Schülerrat …
  • Ein „Offener Unterricht“, der – bei aller (inneren) Differenzierung – auf Isolierung durch ständige individualisierte Einzelarbeit verzichtet. Auch ist eine sonderpädagogische Förderung in der Regelschule angestrebt.
  • Teamarbeit und Kooperation von Erziehern, Sozialpädagogen, Sonderschullehrern, Grundschullehrern und studentischen Mitarbeitern.
  • Ganztägige Erziehungsund Bildungsarbeit mit den multiprofessionalen Teams statt additative Betreuung am Nachmittag.
  • Pädagogik der Vielfalt in altersgemischten Klassen der Jahrgänge 1 bis 4, in denen ein liebevoller Umgang untereinander gerade Jungen aus armen Familien (oft mit Migrationshintergund) zu neuen Rollen führt: Gefühle werden gezeigt, Fürsorge wird angenommen und gegeben.

Selbst den oft vorgeschobenen Grund: „Das lässt sich ja nicht finanzieren“ , widerlegt Stähling, indem er aufzeigt, wie seine Konzeption in „Berg Fidel“ realisiert wurde. Schließlich bietet das Buch Hilfen für Lehrerkonferenzen. Es werden hierzu – für die einzelne Lehrkraft wie ein ganzes Kollegium – z. B. Übersichten und Fragebögen dargestellt. Deren Beantwortung soll zu einer kritischen Bestandsaufnahme und Reflexion des eigenen Unterrichts- und Erziehungskonzeptes führen.
Alles in allem: Ein informatives Buch, das hoffentlich viele Kollegen und Bildungspolitiker motiviert, neue Wege zu gehen.

Manfred Pollert

REZENSION in Humane Schule Heft Jg 33 / Mai 2007
Reinhard Stähling: „Du gehörst zu uns“, Inklusive Grundschule. Ein Praxisbuch für den Umbau der Schule, Basiswissen Grundschule Band 20, Schneider Verlag Hohengehren, ISBN-10: 3-8340-0109-0
„Du gehörst zu uns“
„Und wieder belehrte mich das Leben, dass uns manchmal gerade von dort der Erfolg winkt, wo wir meinten, eine Katastrophe habe uns ereilt, und dass eine heftige Krise oft der Anfang der Genesung ist.”
Allein die Vor-Worte von Janusz Korczak, die den Leser durch das Buch begleiten, machen das Lesen dieses Buches zu einer Schatzsuche: Wer in unserer gegenwärtigen Schulsituation nach Spuren der Hoffnung sucht, der möchte mehr von Janusz Korzak hören, erst recht, wenn wir daraufhin nach seinen Werken forschen. Ihre Titel („Verteidigt die Kinder“ – „Das Recht des Kindes auf Achtung – „Wie man Kinder liebensoll“) zeugen von einer unerschütterlichen optimistischen Grundhaltung, die es niemals zuließ, eines der Kinder aufzugaben,und sei es auch noch so „schwierig“.
Und hier sind wir mitten in der Thematik des Buches von Reinhard Stähling, mitten in der Grundschule Berg Fidel in Münster.
„Der Weg zur inklusiven Schule ist machbar“ schreibt Astrid Kaiser im Vorwort des Buches. Und dass er es ist, zeigt der Verfasser in seiner gedanklichen Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Situation und mit der Schilderung dieser Wegbeschreitung an der GGS Berg Fidel klar und einfach auf.

Einfach war er nicht, dieser Weg, auch das zeigt der ausführliche, spannende Praxisteil. Er lässt den Leser teilnehmen an den einzelnen Entwicklungsschritten, konfrontiert ihn mit bürokratischen Unwägbarkeiten und menschlichen Unzulänglichkeiten.
Die Zeit, die für diesen Weg notwendig ist, wird in der „Regelschule“ nicht gegeben, reformpädagogische Häppchen werden dort ohne Hinterfragung geschluckt, schlecht verdaut und damit oft ihrer Sinnhaftigkeit, ihrer Kraft beraubt. Hier aber können wir den Prozess verfolgen, der aus einer sogenannten Brennpunktschule eine inklusive Schule werden lässt, was viel mehr bedeutet als die Zielsetzung einer gelungenen Integration für möglichst viele Schülerinnen und Schüler.
„Du gehörst zu uns“ ist ein Energieschub für jeden Leser, der nicht aufhören will, sich für eine humane Schule einzusetzen! Denn das Buch zeigt, dass sie keine Utopie ist, die humane Schule – mit dieser Anleitung könnte der Umbau an jeder Schule sofort beginnen.
Allerdings – auch in der Grundschule Berg Fidel dürfen die Kinder (noch) nicht ohne Zeugnisse und Ziffernoten lernen. Wie die Schule mit Leistungsnachweisen und Vergleichstests umgeht, ist die einzige, wirklich wichtige Frage, die nur ausweichend beantwortet wird. Dass aber die vierjährige Grundschule für die Kinder selten ausreicht, um ihre Lern-Fortschritte zu stabilisieren, ist nicht dem Einsatz der Pädagogen und Erzieher anzulasten, sondern unserem Schulsystem.
„Du gehörst zu uns!“ Von nun an gehört dieses Buch zu mir wie Kurt Singers „Maßstäbe für eine humane Schule“, wie Hartmut von Hentigs „Schule neu denken“ und das „Schwarz-Weiß-Buch“ der Aktion Humane Schule, herausgegeben von Wulf Wallrabenstein.

Helga Lezius


Rezension in Grundschule 3/2012

Es ist nicht üblich, auf die dritte Auflage eines Buches hinzuwei­sen. Mit dem üblichen kann man aber dem Lehrer, Schullei­ter und Autor Reinhard Stähling ohnehin nicht gerecht werden. Und so hat dieses schlichte Buch das Zeug zum Bestseller – wo­ bei es seinem Autor, einem pro­ filierten deutschen lnklusions­vertreter, vermutlich weniger darauf ankommt als auf die Ver­breitung seines pädagogischen Credos: Inklusive Schule ist möglich – hier und jetzt, notfalls auch gegen Einwände und Widerstände.
Wie inklusive Schule gelin­gen kann, wird exemplarisch, alltagsnah und mit kritischem Blick auf die Unzulänglichkeiten eines exklusiven (bzw. selek­tionsorientierten) Schulsystems beschrieben.
Bleibt zu hoffen, dass diesesBuch weiterhin viele Leserinnen und Leser findet und auf ihrem Weg zur inklusiven Schule be­gleitet.
Dietlinde H. Vanier

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Teamarbeit inklusive

Artikel aus Jahrgangsübergreifend unterrichten

In vielen Grundschulen denken Lehrerinnen und Lehrer über die Auflösung von Jahrgangsklassen nach. Da kommt es nicht selten vor, dass man die pädagogischen Vorteile (z. B. die Förderung der „Schwachen“) sieht und sogar die Umsetzung der Altersmischung in Gedanken durchspielt, aber schließlich dennoch davon Abstand nimmt. Die Bedingungen für erfolgreiche Arbeit in einem solch aufwendigen Konzept seien nicht vorhanden. Es fehle vor allem an Förderpersonal.

Es bleibt außer Zweifel: Eine Doppelbesetzung – wenigstens in einem Teil der Unterrichtsstunden – wäre in einer altersgemischten Klasse wünschenswert. Damit ist nicht gemeint, vorhandene Stunden für einen Abteilungsunterricht zu nutzen. Der Einsatz einer zweiten Person im jahrgangsübergreifenden Unterricht dient nicht dazu, die Klasse schließlich doch in Kernfächern nach Jahrgängen getrennt zu unterrichten. Er hat ganz andere Funktionen, die ich im folgenden Beitrag beleuchten möchte.

Der Wunsch nach mehr personeller Unterstützung für die Umstrukturierung von Unterricht und Schule ist verständlich. Reformpädagogisch orientierte Grundschulen werden überlegen, ob sie Doppelbesetzung im jahrgangsübergreifenden Unterricht dadurch erreichen könnten, dass sie den Einsatzplan des Personals umstrukturieren. Ein beträchtlicher Anteil von Grundschulen bildet Praktikanten oder Lehramtsanwärter aus. Einzelne freiwillige Examenskandidaten verbringen im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeit einige Zeit in der „Praxis“. Andere Schulen haben darüber hinaus noch Sozialpädagogen im „Schulkindergarten“-Bereich oder Sonderpädagogen für die integrative Beschulung beschäftigt. In manchen Schulen ist die Hilfe z. B. durch so genannte Lesemütter fester Bestandteil und ein Qualitätsmerkmal. Auch Personal für ganztägige Erziehung steht inzwischen einem Teil der Grundschulen zur Verfügung.

Allerdings: Man könnte in etlichen Grundschulen weit kreativer mit den Potenzialen dieser meist sehr bereitwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umgehen. Da gibt es Schulen, an denen mit Hinweis auf irgendwelche Vorschriften nicht alle diese Mitarbeiter an der Lehrer-Konferenz teilnehmen können oder sollen. Andere Schulen übertragen diesen Kräften ohne Abstimmung mit dem Kollegium Aufgaben, die zu Überforderungen der Mitarbeiter führen und somit eher den Schulbetrieb stören. So wird von Praktikanten oder Lehramtsanwärtern teilweise verlangt, dass sie sich selbstständig am grünen Tisch auf eine einzelne Unterrichtsstunde vorbereiten und anschließend ins kalte Wasser des Schulalltags springen. Kaum einer versucht den Sinn solcher „Übungen“ für die Kinder und für die Mitarbeiter der Schule zu hinterfragen. Wo es noch eine Unterwürfigkeit unter selbst definierte und zusammenfantasierte Vorschriften gibt, sollten Grundschulen diese ablegen.

Wo auf Nebenkriegschauplätzen (z. B. Wer darf hier was?) gekämpft wird, geht wertvolle Energie für die Förderung von Kindern und die Qualitätsentwicklung verloren. Oder anders: Es wäre gerade eine Aufgabe der Qualitätsentwicklung, über den für die Kinder sinnvollen Einsatz der vorhandenen Mitarbeiter der Schule nachzudenken. Dann eröffnen sich überraschend neue Quellen für Fördereinsätze. Man wird auch aufmerksam darauf, wo weitere Mitarbeiter gefunden werden könnten. So vermitteln inzwischen selbst Freiwilligen-Agenturen Ehrenamtliche für Schulen. Vieles mehr ist denkbar.

Es stellt sich allerdings die Frage, ob diese potenziellen Förderkräfte überhaupt Hilfen für den jahrgangsübergreifenden Unterricht sein können, zumal sie ja meist nicht dafür ausgebildet wurden. Gegenfrage: Wer wurde denn überhaupt für den jahrgangsübergreifenden Unterricht ausgebildet? Gibt es in Deutschland ein Prozent Pädagogen, die in altersgemischten Klassen gearbeitet haben und heute noch im Schuldienst stehen? Ich zweifle.

Also haben wir in diesem Feld Pionierarbeit zu leisten, nicht nur im Unterricht, sondern auch unter den Mitarbeitern. Teamarbeit ist das Schlagwort – das allerdings vielfach falsch verstanden wird. Teamarbeit ist ein riesiges, teilweise brachliegendes Potenzial und eine der größten Herausforderungen in der Schulentwicklung, wie ich meine.

Wenn die Mitarbeiter einer Klasse effektiv zusammenarbeiten, entstehen enorme Synergieeffekte. Ist die Zusammenarbeit dagegen nur eine Kombination verschiedener, nicht miteinander vernetzter Aktivitäten von Einzelnen, so wächst bei den Kolleginnen und Kollegen eher der Wunsch, doch lieber alles alleine zu machen.

Um dies zu verdeutlichen, möchte ich im Folgenden zwei gegensätzliche Positionen zum Arbeiten im Team unterscheiden. Diese Darstellung basiert auf meinen Erfahrungen als Schulleiter und Klassenlehrer in einer Brennpunkt-Grundschule, wo so genannte behinderte Kinder (vor allem Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten sowie Lern- und Sprachproblemen) in jeder Klasse zusammen mit allen anderen Kindern unterrichtet werden. Und vor allem: In altersgemischten Klassen lernen hier die Kinder aller vier Jahrgänge gemeinsam.

Teams in der Praxis

Entsprechend der pointierten Gegenüberstellung von Inklusion und Integration versuche ich, auf Grundlage von jahrelangen Beobachtungen in der Praxis (vgl. STÄHLING 2004) zwei Pole von Teamarbeit voneinander abzugrenzen. Dabei unterscheide ich zwischen einer Teamarbeit, bei der die Mitarbeiter gemeinsam für alle Kinder da sind (Inklusion), und einer Teamarbeit, bei der sich einzelne nur für besondere Aufgaben zuständig fühlen (Integration). Indem ich das Inklusionskonzept auf die Teamarbeit übertrage, stellt sich viel deutlicher als zuvor die Frage, welche Faktoren einer Teamarbeit zu effektivem Arbeiten in der Klasse führen (s. Tab).

Team in der Praxis der Integration Team in der Praxis der Inklusion
  • Personal für Kinder mit besonderem Bedarf:
    Die Schule bekommt den Mitarbeiter für klassenübergreifende Aufgaben, z. B. für Förderangebote in verschiedenen Klassen, für einzelne Kinder, für Betreuungsaufgaben u. a.
  • Personal für das System: Die Schulklasse bekommt den Mitarbeiter, der dadurch Teammitglied ist
  • Exklusive Zuständigkeit „anderer“ Pädagogen für „andere” Kinder
  • Gemeinsames und individuelles Lernen für alle
  • Spezielle Angebote oder Förderungen b für spezielle Kinder (z. B. Behinderte, Begabte, Ganztagskinder u. a.)
  • Einbeziehung und Unterstützung der Klassengemeinschaft (z. B. Paten) in die Förderung (z .B. der Schulanfänger)
  • Förderpläne und Angebote für bestimmte Kinder als Leistung von Experten
  • Gemeinsame Reflexion und Planung aller Beteiligten (Kinder, Mitarbeiter und im Idealfall auch Eltern)
  • Vertretung des ausgefallenen Personals kaum möglich
  • Im Vertretungsfall kann ein anderer die Aufgaben, die im Team vereinbart wurden, übernehmen.
  • Gefahr des Gerangels um Zuständigkeiten
  • Mitarbeiter als Unterstützung für Kinder mit besonderem Bedarf (Betreuung, Förderung u.a.)
  • Mitarbeiter als Unterstützung für Klassenlehrer, Klasse und Schule
  • Kombination von unveränderter Schul-, Sonder- und Sozialpädagogik
  • Synthese von veränderter Schul-, Sonder- und Sozialpädagogik 

  • Kontrolle durch besser bezahlte Experten
  • Kollegiales Problemlösen im Team
  • Supervision als freiwilliges Zusatzangebot für Einzelne
  • Supervision als fester Bestandteil des
    jeweiligen Teams, Systemberatung
  • individuumszentrierter Ansatz
  • systemischer Ansatz
Praxis der Integration und der Inklusion (vergl. Hinz 2002)

 

Die Unterscheidung dieser beiden Teamkonzeptionen wirkt vielleicht etwas akademisch, ist aber lohnenswert für die kritische Bestandsaufnahme der eigenen Teamarbeit. Sie ermöglicht die trennscharfe Abgrenzung zweier Pole, die nur scheinbar nahe beieinander liegen, in der Praxisjedoch diametral entgegengesetzt wirken können. HINZ beschreibt überspitzt die Fehlentwicklung eines Integrationsmodells, bei der „ein Sonderlehrer für das Sonderkind ab und zu vorbeikommt und pädagogische Sonderangebote nach Sondercurricula mit Sondermethoden macht“ (Hinz 2002, S. 355).

Es entsteht leicht eine additive Situation, in der die Klasse – zumal eine jahrgangsgemischte – mit ihren gesamten Förderpotenzialen aus dem Blick gerät.

Wenn wir in jahrgangsgemischten Klassen mit Teams nach dem Inklusionsmodell arbeiten, verliert die Kassenlehrerin nicht an Bedeutung. Im Gegenteil: Sie leitet das Team und achtet besonders darauf, dass sich jedes Teammitglied mit seinen besonderen Stärken in den Unterricht einbringen kann. Sie ist jedoch von der Last des Einzelkämpfers befreit.

Gelingt die Teamarbeit, so wollen Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr anders arbeiten, selbst wenn die Vergütung bei den Teammitgliedern unterschiedlich ist. Gerade der Unterricht mit seinen vielen Aufgaben wird durch Teamarbeit entlastet. Viele wünschen sich ein solches Team, daher sollten die Mitarbeiter von Grundschulen mit dem Notwendigen beginnen.

Arbeitsstruktur

Für Teams ist eine Arbeitsstruktur erforderlich. Dazu gehören regelmäßige Besprechungen. Die Sitzungen brauchen einen routinemäßigen Ablauf, der für rücksichtsvollen Umgang mit der wertvollen Zeit der Mitarbeiter sorgt. In unserer Schule gibt es in jeder Klasse Teams, die jede Woche ein bis zwei Stunden tagen. Alle haben ihren eigenen Stil entwickelt. Bewährt hat sich bei vielen folgender Teamsitzungsablauf:

  1. Kurze Themensammlung, möglicherweise Festlegung eines Protokollführers, eines Sitzungsleiters, eines „Zeitwächters“.
  2. Kurze Befindlichkeitsrunde: Wie geht es mir im Moment – auch unabhängig vom Schulalltag.
  3. Kurzer positiver Rückblick auf die letzte Woche: Was gefiel mir am Programm, an den Kindern, an uns Teammitgliedern und an mir selbst? (Negatives ist an dieser Stelle nicht erlaubt, das gehört in die Themensammlung!)
  4. Ausführliche Besprechung der Themen aus der Sammlung zu Beginn.
  5. Themen, die nicht besprochen werden konnten, kommen in den „Themenspeicher“, der für das nächste Mal Themen sammelt. Falls etwas sehr Wichtiges nicht ausreichend geklärt werden konnte, wird eine Extra-Sitzung vereinbart oder u. U. die Aufgabe im Einvernehmen an eine Teilgruppe delegiert.
  6. Kurze Abschluss-Blitzlicht-Runde: Was möchte ich noch loswerden? Was möchte ich nicht mit nach Hause nehmen?

Teams, die effektiv arbeiten sollen, können in der Regel nicht ohne regelmäßige Supervision (etwa alle sechs Wochen) auskommen. Sie dient der Psychohygiene der Gruppe und gibt den Teammitgliedern Zeit für ausführliche Auseinandersetzungen über die emotionale Befindlichkeit. Dort können Probleme zwischen Mitarbeitern geklärt werden, die normalerweise überall auftreten. Auch Beanspruchungen durch den Umgang mit „schwierigen Kindern“ sind Thema. Die Leitung der Team-Supervision sollte ein Außenstehender (z. B. Schulpsychologe oder Fortbildungsmoderator) übernehmen.

Ein wichtiger Punkt ist die Auswahl der Teammitglieder. Es ist weder sinnvoll noch möglich, dass sich die Teams selbst ihre Mitglieder suchen. Anzustreben ist allerdings eine zeitliche Stabilität über mehrere Jahre. Bei der Auswahl von Praktikanten, Honorarkräften und anderen freiwilligen Mitarbeitern ergibt sich oft die Möglichkeit, eine Auswahl zwischen verschiedenen Bewerbern zu treffen. Die Entscheidung liegt in diesen Fällen sinnvollerweise beim Team. Der Beschluss sollte einstimmig hergestellt werden, um die Wahrscheinlichkeit von unnötigen späteren emotionalen Schwierigkeiten zu reduzieren.

Zum Abschluss sei auf die Tatsache verwiesen, dass die Art der Zusammenarbeit der Erwachsenen ein Modell für die Kinder ist – ob wir es wollen oder nicht. Wie gehen die Erwachsenen damit um, wenn sie sich nicht einig sind, was zu tun ist? Wie klären sie Konflikte? Haben sie unterschiedliche Meinungen? Darf man miteinander streiten? Respektieren die Erwachsenen einen Mitarbeiter, der Schwächen zeigt? Wann und wo besprechen die Erwachsenen ihre Probleme? Das alles sind Fragen, die die Kinder äußerst spannend finden: Denn sie wollen wissen, wie man es besser macht! Immerhin verlangen die Erwachsenen von den Kindern, gut zusammenzuarbeiten und Konflikte friedlich zu lösen. Hier liegt eine große Chance für altersgemischte Klassen – Teams inklusive.

Literatur

Hinz, Andreas (2002): Von der Integration zur Inklusion – terminologisches Spiel oder konzeptionelle Weiterentwicklung? In: Zeitschrift für Heilpädagogik, 53. Jg./9, S.354–361
Stähling, Reinhard (2004): Multiprofessionelle Teams in altersgemischten Klassen. Ein Konzept für integrativen Unterricht. In: Die Deutsche Schule, 96. Jg./1, S. 45–55

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Sein eigener Chef werden: Schüler bestimmen ihre Pausen selbst

aus: Allen Kindern gereicht werden
Aufgabe und Wege

Horst Barnitzk
Ulrich Hecker (Hrsg.)

Wer gut arbeitet, braucht Pausen. Und hier gilt auch die Umkehrung: Wer sich Pausen nimmt, arbeitet gut. Pausen bringen wieder frischen Wind in die Arbeit. Auch unermüdlich arbeitende Menschen »schalten mal ab«. So weit besteht Einigkeit unter den »Gelehrten«.
Aber wie fühlen sich Lehrerinnen und Lehrer dabei, wenn sie sehen, dass
in ihren Klassen einige Kinder zwar an ihren Tischen sitzen, aber sich innerlich in einer Art von »Standby«-Modus befinden. Wenn Lehrpersonen unbedingt Leistung fordern, dann tun diese Schüler eben so, als ob sie arbeiteten. In Wirklichkeit schweifen ihre Gedanken ab. Wenn sie andere nicht stören, toleriert man diese Phase des Abdriftens. Selbst wenn sie andere ansprechen und ablenken, nehmen dies manche Pädagogen hin, ohne zu intervenieren. Sie können ja verstehen, dass die Schüler nach langem Sitzen auch mal müde werden. Pädagogen sind aber nicht glücklich damit, weil sie spüren, dass ihnen die Schüler entgleiten. Andererseits sagen sie sich: »Die Kinder brauchen doch auch mal eine Pause – und die nehmen sie sich selbstständig.. .«. Viele haben sich daran gewöhnt, die Kinder frei entscheiden zu lassen, wann sie »abschalten«. Aber nur wenige haben sich gefragt, welche Bedingungen Kinder brauchen, um wirklich eine erholsame und fruchtbare Pause machen zu können.
Vor dem Fenster eines Klassenraumes in der Grundschule Berg Fidel (vgl. Stähling 2009) befindet sich ein Spielgelände mit Sandkasten und Schaukeln. Außerdem gibt es in der Klasse für Kinder einen wunderbaren »Lesehimmel« auf einer Hochebene und einen Bauteppich. Warum sollten sich hier überall nicht die Kinder während der »freien Arbeit« aufhalten können, wenn sie Pause benötigen?
Die Kinder haben gesagt, warum sie Pausen brauchen:
- um sich von zu Hause zu erholen
- um ihre Müdigkeit zu bekämpfen
- um ihrem Bewegungsdrang freien Lauf zu lassen
- um überhaupt arbeitsfähig zu werden
- um einer überfordernden Aufgabe ein Ende zu setzten
- um sich mit ihren Freunden zusammenzutun
- um Probleme zu besprechen
- und natürlich auch, um sich von der anstrengenden Arbeit zu erholen, die hinter ihnen liegt.

Wenn wir die Kinder ernst nehmen, dann können wir feststellen, dass für manche gleich zu Beginn des Schulmorgens eine Pause notwendig ist. Jedes Kind wird lernen, den individuell richtigen Pausenzeitpunkt zu finden. Wenn ein Kind fragt, ob es sich eine Pause nehmen darf, ist dies ein gutes Zeichen. Die Lehrerin reagiert darauf sehr unterschiedlich: Sie kann spüren oder nachfragen, wenn es sich um Müdigkeit aufgrund einer langen Fernsehnacht handelt. Sie kann sich von einem anderen Kind zeigen lassen, was es bisher gearbeitet hat. Sie kann merken, dass ein Kind ungeheuer viel getan hat, an die Grenze gekommen ist und nun einfach »Dampf ablassen« will. Mit Recht auch mal laut!
Sie sucht bei einem anderen Kind eventuell das Gespräch, wenn sie spürt, dass ihm etwas auf dem Herzen liegt, und regt an, ins Tagebuch zu schreiben oder das Klassenratbuch zu nutzen, damit bei Gelegenheit in der Klasse gemeinsam nach Lösungen gesucht werden kann. Sie schlägt vielleicht vor, dass das Kind mit seinem vertrauten Freund eine kleine Runde auf dem Schulhof dreht und dabei alles bespricht.
Andere Kinder kennen Pausen gar nicht – sie erlauben sich nicht, eine Pause zu machen, weil sie meinen, dass dies in der Schule während der Arbeitszeit nicht zulässig ist. Diese Kinder haben besonders viel zu lernen. Über das Lernen selbst!

In den Klassen der Grundschule Berg Fidel steht fast jeden Morgen in den ersten beiden Stunden »freie Arbeit« auf dem Tagesplan. Die Kinder arbeiten aber nicht ohne Unterbrechung, sondern nehmen sich kleine individuell gestaltete Pausen. Nach diesen zwei Stunden kommt die »große« Bewegungspause für alle gleichzeitig auf dem Schulhof. Anschließend frühstücken die Kinder. Es folgt eine Tagesplanbesprechung: Was werden wir heute noch machen? Blick auf die gesamte Woche.
Danach setzen sich alle zum Lernklassenrat in den Sitzkreis. Sie werfen einen gemeinsamen Rückblick auf die freie Arbeit:
- Was ist mir heute gelungen?
- Was war hilfreich?
- Woran arbeit ich auch morgen weiter?

Individuelle Ziele werden besprochen:
- Was will ich morgen anders machen?
- Was hat geholfen, damit ich meinem Ziel ein Stück näher kommen konnte?
- Wann habe ich mir eine Pause gegönnt?
- Wie lange dauerte sie? Wann setzte ich meine Arbeit fort?
Es geht darum, dass die Kinder lernen, ihr »eigener Chef« zu werden. Sie merken, dass sie es selbst in der Hand haben, ob sie etwas schaffen. Ihr Erfolg hängt davon ab, ob sie Verantwortung für ihre Arbeit übernehmen. Lernen ist dann gut, wenn die Energie voll auf die Arbeit gelenkt werden kann. Kinder merken, dass die Arbeit Spaß macht, wenn sie Pausen einlegen können.
Ein wichtiges Thema im Lernklassenrat kann auch der Umgang mit Störfaktoren sein: Wenn Kinder etwas »ablenkt«, können sie selbst etwas daran ändern: Sie können sich einen anderen Arbeitsplatz suchen, der ihren Bedürfnissen entspricht. Oder sie rennen einmal um den Schulhof – am besten lachend mit Freund –, um danach mit frischen Kräften neu an die Arbeit zu gehen. Auf jeden Fall muss Pause möglich sein. Kinder lernen hier, sich selbst zu fragen, ob sie jetzt eine Pause brauchten.
Manche Klassen in der Grundschule Berg Fidel besetzen an einem Morgen die Turnhalle. In der »freien Arbeit« können Kinder wählen, dort eine Bewegungspause zu nehmen. In der Halle ist eine »Bewegungslandschaft« aufgebaut, die allen vielfältige Bewegungsanreize bietet. Der bereitstehen den Sportlehrerin zeigen die Kinder eine Wäscheklammer – das »Krokodil«, das eine Uhr im Maul trägt. Diese Zeitansage begrenzt den Aufenthalt in der Halle, damit auch andere drankommen können. Dies lässt sich wunderbar mit der Nachbarklasse kombinieren, die zeitgleich das Angebot nutzt, sodass die Turnhalle immer voller Kinder ist und zugleich in der Klasse intensiv gearbeitet werden kann.

Die Kinder brauchen für eine Pause:
- eine richtige Einstellung, sich eine Pause nehmen zu können,
- einen guten Ort für Bewegung, Entspannung oder »Dampf ablassen«,
- flexible Zeitvorgaben, die den passenden Moment für eine Pause erlauben.
Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, dann sehen wir immer wieder Kinder, die Arbeit simulieren und innerlich zu einer heimlichen Pause in die innere Emigration verschwinden, oder solche, die während ihrer Arbeitszeit Freizeitgespräche (»Kaffeeklatsch«) führen.
Zum erfolgreichen Arbeiten brauchen alle eine gute Pausenkultur. Vielleicht ergibt sich dann von selbst, dass sowohl Zeiten der Muße und der Besinnung als auch des Feierns, Singens, Lachens und auch Wanderns ihren berechtigten Platz in Schule wieder finden: Das Ende der Hektik und der Anfang von Gelassenheit. Die Krönung wäre, wenn die Kinder sehen dürften, dass auch die Erwachsenen eine gemütliche Pause in einer entsprechenden Ecke machen. Wer hindert sie daran? Die Kinder könnten etwas von den Erwachsenen lernen.
Selbst auferlegte Verbote beschränken oft die Phantasie. Wer aber kann Lehrkräfte daran hindern, etwas Vernünftiges zu erproben (vgl. Stähling/Wenders 2009)? Kein Stunden tafel bastler kann ernsthaft glauben, dass jeder Mensch (erst oder schon) nach 45 Minuten eine Pause braucht. Je schöpferischer ein Mensch arbeitet, umso freier wählt er seine Pause selbst.
Er ist eben sein eigener Chef.

Literatur
Stähling, R. (2009): »Du gehörst zu uns« – Inklusive Grundschule. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren.
Stähling, R. / Wenders, B. (2009): Ungehorsam im Schuldienst. Der praktische Weg zu einer Schule für alle. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren.

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Grundschule ohne Ausgrenzung

aus: Allen Kindern gereicht werden
Aufgabe und Wege

Horst Barnitzk
Ulrich Hecker (Hrsg.)

Grundschule ohne Ausgrenzung

Das Beispiel der Grundschule Berg Fidel Münster

»Wahrscheinlich ist es einfach und macht dabei noch Spaß,
doch wir sind wie die Fliege vor dem Glas.
Wahrscheinlich ist es einfach,
man dreht sich einfach um,
doch dafür sind wir einfach viel zu dumm.
Natürlich ist es Liebe
in jeder Kleinigkeit,
hellwach zu sein und voll Bescheidenheit,
Natürlich ist es Liebe,
die kein Geschöpf vergisst,
wie einfach doch im Grunde alles ist.«

Herman van Veen als Botschafter für die Kinderrechte
in einem Liedtext von 2009

»Kein Geschöpf vergessen« – so könnte der Leitgedanke einer inklusiven Schule lauten.
Am Beginn steht, dass wir unsere Einstellung ändern, wenn wir eine »Schule für Alle« wollen, die keinen »Schwachen« oder »Schwierigen« ausgrenzt, der in der Nähe wohnt. Dies ist eigentlich selbstverständlich, zumal die Beamten im Schuldienst auf die Verfassung vereidigt worden sind und die Achtung der Menschenwürde als oberste Pflicht empfinden müssen. Wie wollen wir eine friedliche Nachbarschaft z. B. mit Migranten entwickeln, wenn deren Kinder, besonders die Jungen, in der Regel in Haupt- oder Sonderschulen geschickt werden und nicht in der Schule des Stadtteils mit allen anderen zusammen leben und lernen können?

»… und weg bist du!« – Grundschule grenzt aus
Die deutsche Grundschule ist eine Schul stufe, die für eine bestimmte Altersgruppe bestimmt ist. Wer älter als 12 und jünger als 6 Jahre alt ist, gehört nicht dazu. Eine Grundschule ohne Ausgrenzung gibt es demnach per Definition nicht. Auch wenn eine öffentliche Schule wie die Grundschule Berg Fidel Münster alle Kinder von 3 bis 18 Jahren aus dem Stadtteil gerne beschulen würde, sie dürfte es nicht. Sie müsste »integrierte Gesamtschule« heißen, wenn sie Schüler vom 1. Schuljahr bis zum Abitur unter einem Dach leben und lernen lassen wollte. Noch unmöglicher erscheint das Vorhaben, auch den Kindergarten als Teil der Schule zu führen. Geradezu tabuisiert
ist im deutschen öffentlichen Schulwesen der Gedanke, dass auch die einem anderen Ministerium unterstellten Kindertagesstätten in
die Schule integriert würden und unter derselben Leitung
arbeiteten.
Seit Jahrzehnten werden in Deutschland »Übergänge« beklagt, die immer wieder Kinder an der Klippe scheitern lassen. Aus allen anderen Ländern kennen wir, wie sinnvoll es ist, dass Kinder von früh an im selben Schulhaus verbleiben. In Deutschland dagegen werden gut funktionierende alters gemischte Lerngemeinschaften nach 3 Jahren im Kindergarten auseinandergerissen und auf verschiedene Schulen verteilt. Dort lernen sie in der Regel in künstlich angelegten »Klassen« von nur 6-jährigen Kindern. Nach 4 Jahren schon erfolgt in der Regel die nächste Ausgrenzung: Die Schüler werden aus dem vertrauten Lernklima herausgerissen und auf verschiedene Schultypen verteilt. Es kann in unserem Land vorkommen, dass lO-jährige Kinder einer einzigen Grundschulklasse auf zehn verschiedene Schulen wechseln und sich nie wiedersehen. Die natürliche Gegenreaktion der Kinder (»ich will aber lieber mit meiner Freundin zusammen auf eine Schule gehen«) wird von vielen Erwachsenen ignoriert. Die Kinder sollen die »Härte des Lebens« kennenlernen. Versuche, die Übergänge abzumildern, sind Symptomkuriererei. Sie ändern das System des Aussortierens nicht. In Deutschland regiert nicht die pädagogische Vernunft. Das Erziehungssystem ist nicht aus einem Guss. Am Kind zerren die sich widersprechenden Interessengruppen: Das Gerangel geht um Kompetenzen und Einflussbereiche von Jugendhilfe und Schule, aber auch um das Überleben von Schulformen wie Gymnasien und Sonderschulen mit ihren Gehaltsstufen und Hierarchien.
Den Satz »Du gehörst hier nicht hin!« erschallt landauf landab in vielen deutschen Klassenzimmern aller Schulformen. So ist die Zahl der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf z. B. in NRW seit Jahren kontinuierlich gestiegen. Seit dem Jahr 2000 gab es z. B. im Förderschwerpunkt »Emotionale und soziale Entwicklung« einen Zuwachs von 60 %. Die meisten dieser »Widerspenstigen« sind Jungen (88 %!) (vgl. Möller 2009), auf die sich offenbar nicht viele Schulen einlassen wollen.
Nicht erst der Vergleich mit dem Ausland hat Kritik am deutschen Sonderschulwesen hervorgerufen. Seit Jahren wird von Wissenschaftlern vorgerechnet, dass die Integration aller Kinder und die entsprechende Verteilungder Sonderpädagogen in das Regelschulwesen wesentlich kostengünstiger wären (vgl. Preuss-Lausitz 2002). »Behinderte« werden Sonderschultypen zugeordnet, die ihren Namen immer wieder ändern. In deutschen Bundesländern gibt es sehr teure, getrennte Schulen für sogenannte Erziehungsschwierige, Lernbehinderte, Sprachbehinderte, geistig Behinderte, Körperbehinderte, Blinde,’ Sehbehinderte, Taubblinde, Gehörlose, Schwerhörige und Kranke. Schulintern werden weitere Sonderungen vorgenommen. So bilden z. B. Schulen mit den »Förderschwerpunkten« Hören oder Sehen eigene »Ab-Teilungen« (Sonderklassen innerhalb der Sonderschule) für Schüler, die zusätzlich zu ihrer Sinnesschädigung Lernschwächen oder Verhaltens-
auffälligkeiten zeigen. In manchen Spezialschulen für Schüler mit Förderbedarf im Bereich »Emotionale und soziale Entwicklung« sortiert man solche Schüler weiter aus, die nicht nur »verhaltenskreativ«, sondern auch noch »lernschwach« sind. Sie kommen dann in Sonder-Klassen. Die »sonderpädagogische« Förderung hat sich nach Möller (2009) zu einem »abgekoppelten System entwickelt, das auf Bestandswahrung bzw. -mehrung bedacht ist«.
Diese kostenintensive Aussonderung geht von der empirisch widerlegten (gymnasialen) Hypothese aus, dass leistungsfähige Schüler besser fortschreiten könnten, wenn sie von »Schwachen« und »Störern« ferngehalten und stattdessen »zielgleich« (welch ein pädagogischer Unsinn!) unterrichtet würden.
»Versager« könnten angeblich besser unter ihresgleichen lernen! Trotz empirischer Nachweise der Ineffizienz des Sonderschulwesens hält Deutschland daran fest, da es für die allgemeine Schule Entlastungsfunktion hat und den Behinderten Schonräume verspricht. Heute hat man sich allerdings in einzelnen Regionen bereits auf den Weg gemacht, jedes Kind des näheren Umfeldes in die wohnortnahe allgemeine Schule aufzunehmen.
Eine entsprechende Haltung finden wir z. B. in einer finnischen Stadt, in der sich fünf Schulleiter zusammengeschlossen haben und als »Gemeindeschulleiter« ein Drittel ihrer Zeit für die Gemeinde, zwei Drittel für ihre Schule Verantwortung tragen und gemeinsam Bildungspläne entwickeln. Schule und Gemeinde arbeiten hier systematisch am Aufbau eines miteinander verbundenen Schulsystems (vgl. Schleicher 2009, S. 317f.).
Die deutsche Grundschule ist nicht nur wegen der begrenzten Jahrgänge, über die sie sich definiert, eine Schule der Ausgrenzung, sondern auch, weil sie erst durch die Ausgrenzung zu dem wird, was sie ist: Schule der Mittelschicht, in der die Schüler fehlen, die den gesetzten Anforderungen nicht entsprechen können. Wer an dem häufig über Sprachkompetenzen definierten Mindeststandard scheitert, »gehört hier nicht hin«. Er »hält den Betrieb auf« und »be-hindert die anderen Schüler am Fortkommen im Stoff«, wie es manche Lehrer und auch Eltern der anderen Kinder ohne Scheu sagen können. Diese Art von Schulehalten muss als »institutionalisierte Diskriminierung« (vgl. Gomolla / Radte 2000) betrachtet werden und ist somit rechtswidrig.
An solchen Stellen machen sogar Gewerkschaftler einen faulen Kompromiss, indem sie sagen: »Wenn wir in Regelschulen die personellen und sächlichen Ressourcen nicht bekommen, können wir auch nicht alle Kinder beschulen.« In den meisten deutschen Integrationsschulen grenzen – nach meiner Einschätzung – die Verantwortlichen die »schlimmsten Fälle«, die »schwächsten« und »schwierigsten« Schüler als »nicht integrationsfähig« aus. In anderen Schulbezirken können jedoch solche Kinder mit Erfolg am »gemeinsamen Unterricht« teilnehmen.
Als »integrationsfähig« in diesem Sinne gelten zumeist diejenigen, die den reibungslosen traditionellen Unterrichtsalltag nicht mehr belasten als andere »normalere«: Willkommen sind Schüler, die zwar zieldifferent unterrichtet werden, aber dennoch nicht den Ablauf des tradierten Unterrichts stören. Dazu zählen ruhige, leicht führbare Kinder mit sogenannten Lernbehinderungen oder geistigen Behinderungen, die der Schulklasse teilweise zusätzliches Personal bringen. Ebenso Menschen mit leichten Sinnesschädigungen oder körperlichen Beeinträchtigungen, die dem Unterricht folgen, ohne im größeren Maße unterstützt werden zu müssen. Dagegen gelten »Verhaltensauffällige« trotz »zielgleicher Unterrichtung« als besonders schwer zu integrieren, weil sie das Gefüge der Klasse und das Fortkommen der Mitschüler ndurch besondere soziale und emotionale Bedürftigkeiten stören. Vermeintlich »unbequeme« und »unproduktive Menschen« zählen von vornherein nicht mit. Vielmehr orientieren sich manche Lehrer – sogar in der sogenannten Integration – an traditioneller, selektiver Unterrichtskultur (vgl. Stähling 2006/2009).
Dies ist noch immer Alltag, obwohldie UN-Behindertenrechtskonven tion seit 2009 geltendes Recht darstellt und jegliche Ausgrenzung nahezu unmöglich machen müsste. Verstecken sich die Missstände sogar noch hinter fortschrittlichen Gesetzen? Wird so in Zukunft Ausgrenzung möglicherweise noch schön geredet? Missbraucht man hier die Integrationsschulen als Feigenblatt, um zu verdecken, dass Integration politisch eigentlich gar nicht gewollt ist?
Die Existenzberechtigung der Sonderschulen wird zwar durch viele wissenschaftliche Forschungen bezweifelt (vgl. Stähling/Wenders 2009, S. 139ff.), jedoch sogar von Gewerkschaftern selten in Frage gestellt – immerhin vertreten sie ja die Standesinteressen der dort arbeitenden Sonderpädagogen. In manchen Schulen mit »Gemeinsamem Unterricht« (GU) finden wir neben der Klassenlehrerin eine Sonderpädagogin und eine Erzieherin, jeweils mit halber Stelle, während es Parallelklassen ohne »GU« gibt, in denen die Klassenlehrerin alleine mit 25 Kindern steht. Viele Mittelschichteltern danken es. Dies lässt sich jedoch nicht in Brennpunkt-Grundschulen machen, wo in jeder Klasse sehr viele förderbedürftige Kinder mit oder ohne Etikett (»sonderpädagogiseher Förderbedarf«) die Lehrerinnen an den Rand der Belastungsgrenze bringen. Dort ist vielmehr »Gleichverteilung« der pädagogischen Kräfte auf alle Klasse erforderlich. Nur im Team lässt sich erfolgreich die notwendige Differenzierung verwirk lichen. Aus der Not werden dort Konzepte geboren, die sich nun unter dem Titel »Inklusion« einen Namen machen und als Modell für andere Schulen dienen könnten. Denn in diesen Schulen finden wir geballt die vielen bedürftigen Kinder, die eigentlich per UN-Konvention in alle Regelschulen zu integrieren wären.

»Du gehörst zu uns« – Erste Schritte inklusiver Schulen

Interessante Beispiele für Schulen, die Ausgrenzung verhindern, gibt es in Hamburg. Die Kolleginnen im Modell »Integrative Regelklasse« entwickeln unterschiedliche Kooperationsformen zwischen Grund- und Sonderschullehrerinnen. Erkenntnisse aus der dortigen Teamarbeit gaben Praxishinweise für inklusive Pädagogik. Erste methodisch-didaktische Annäherungen für den Unterricht waren bei Seitz (2004) und Platte (2005) zu finden. Besonders die konzeptionellen Überlegungen von Andreas Hinz (2002) halfen der Grundschule Berg Fidel, Ausgrenzung mehr und mehr zu beenden.
Eine bemerkenswerte Erfahrung haben die Kolleginnen und Kollegen der Gesamtschule Köln-Holweide gemacht, als sie 2003 den GU ihrer 9-zügigenGesamtschule evaluierten (vgl. Schwager 2005): Sie stellten fest, dass sich bereits Strukturen gebildet hatten, die eine Ausgrenzung tendenziell verhindern können. Folgende Merkmale der Gesamtschule Holweide ähneln Entwicklungslinien der Grundschule Berg Fidel, obgleich der Aufbau der beiden Schulsysteme grundverschieden ist:

  1. Der Einsatz der sonderpädagogischen Mitarbeiter in den Klassen erfolgt nach schulinternen Regeln, die nicht mit der institutionell begründeten Bindung des Personals an die Etikettierung bestimmter Förderkinder übereinstimmt. Die Sonderschullehrkräfte sind nicht einem bestimmten Schüler, sondern einem Team zugeordnet. Dieses feste Lehrerteam ist für drei Parallelklassen während der gesamten Sekundarstufe I zuständig und gestaltet selbst die Stundenpläne. Die Verteilung der personellen Ressourcen auf die Integrationsklassen erfolgt relativ gleichmäßig. Die Lehrkräfte der Sonderpädagogik sind an der Gestaltung des gesamten Unterrichts beteiligt, wie auch Lehrkräfte der allgemeinbildenden Schule die sonderpädagogische Förderung übernehmen.
  2. Der »gemeinsame« Unterricht ist stark durch innere Differenzierung und Doppelbesetzungen geprägt. Im Fachunterricht wird auf regelmäßige Maßnahmen der äußeren Differenzierung überwiegend verzichtet. Eine zeitlich begrenzte Förderung außerhalb der Klasse wird jedoch praktiziert. Einige klassenübergreifende Lernangebote dienen meist lebenspraktischen AufgabensteIlungen, wie z. B. der Berufswahlvorbereitung.
  3. Die Kinder und Jugendlichen sitzen an geschlechts- und leistungsheterogenen Tischgruppen. Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden an die Tische verteilt, ohne dass dies mit einer Stigmatisierung verbunden wäre. Vielfach ist den Mitschülern der Förderbedarf nicht bekannt. Die Gesamtschule Holweide hat mit der Peter-Petersen-Grundschule Am Rosenmaar eine Kooperationsvereinbarung: Alle Schulabgänger können unabhängig vom Vorhandensein eines eventuellen sonderpädagogischen Förderbedarfs grundsätzlich in diese Gesamtschule aufgenommen werden.

Offenbar gelingt es dieser Gesamtschule, Strukturen einzuführen, die der Überwindung menschenunwürdiger Ausgrenzung dienen. Die Schüler erfahren dadurch eher als in anderen Schulen, dass sie sich auf die Erwachsenen und die Klassengemeinschaft verlassen können und in Krisen nicht fallen gelassen werden. Sie fühlen sich sicher, entfalten ihre Lernkompetenzen und steigern ihre Leistungsbereitschaft. Schüler werden nicht aufgrund »administrativer« Kriterien in die Gruppe der »Behinderten« und die der »Nicht-Behinderten« aufgeteilt, sondern als Menschen mit ihrem individuellen Lebensweg ernst genommen. Die »inklusiv« verstandene Förderung beschränkt sich nicht nur auf »behinderte« Schüler, sondern »bezieht ausdrücklich auch Hochbegabte, Schüler mit Migrationshintergrund oder sozialen oder psychischen Belastungen, und auch spezielle Gesichtspunkte der Mädchen- respektive Jungenerziehung ein« (Schwager 2005, S. 261).

»Was wir heute träumen, ist die Realität von morgen« – Multiprofessionelle Teams der Grundschule Berg Fidel

Mindestens zehn Jahre haben die Pädagogen der Grundschule Berg Fidel unbeirrt gearbeitet, bis sie mitten in einem sozialen Brennpunkt die Grundlage zu einer »Pädagogik der Vielfalt« und eine Schule ohne Ausgrenzung entwickelt hatten. Nur wenige der inzwischen gemachten Schritte waren Jahre zuvor abzusehen. Die Entstehungsgeschichte war geprägt durch die folgenden Entwicklungslinien:

  1. Erfahrungen mit offenem Unterricht mit nur wenigen Maßnahmen äuße rer Differenzierung.
  2. Erfahrungen mit »stiller Integration«: Möglichst viele Kinder des Stadtteils wurden eingeschult, ohne sie als »Sonderschüler« zu etikettieren. Dies geschah zunächst ohne Stellenzuweisung von sonderpädagogischem Personal.
  3. Erfahrungen mit der Teamarbeit: Feste multiprofessionelle Mitarbeiterteams sind für die Klassen zuständig und gestalten selbst ihren Stunden- und Einsatzplan. Supervision unterstützt die Pädagogen bei ihrer Arbeit. Berufliche Beanspruchungen lassen sich auf diese Weise reduzieren.
  4. Gerechte Gleichverteilung der amtlich zugewiesenen Sonderpädagogen-Stunden auf alle Klassen: Jede Klasse hat ein Team unabhängig vom Schweregrad der nach gängigen Kriterien beobachteten Behinderung der Schüler.
  5. Weiterentwicklung des Schulkonzepts zur Altersmischung der Jahrgänge 1–4, womit das »Sitzen bleiben« de facto abgeschafft ist.
  6. Ein anderer Blick auf die sonder pädagogische Förderung: Sonderpädagogik ist bei so großer Heterogenität ein notwendiger Bestandteil der allgemeinen Pädagogik. Das Kind steht im Mittelpunkt. Ziel ist sein Erfolg. Was kann es schon? Was möchte es in der Schule lernen? Was braucht es, um Erfolge zu erleben?

Der Schritt zu einer Schule ganz ohne Ausgrenzung begann mit dem Punkt 4, der gerechten Verteilung des Personals auf alle Klassen. Nur durch diesen großen Einschnitt konnte das Herausnehmen von Schülern aus den Klassen und die Überweisung in »Sonder-Schulen« beendet werden.
Die genannten sechs Entwicklungslinien fanden sich in Arbeitskreisgesprächen, Diskussionen mit Eltern und Lehrkräften und Entscheidungen der Mitwirkungsorgane wieder. Sie bildeten das Fundament, auf dem der lange, steinige Weg zu einer Schule ohne Ausgrenzung gepflastert wurde. Ohne die Vision von der Inklusion und der Altersmischung, ohne die zahllosen Auseinandersetzungen verschiedener Berufsgruppen in den Ganztagsteams und nicht zuletzt ohne die sehr umfangreichen Kenntnisse und Kompetenzen im offenen Unterricht hätte die Sonderpädagogik auf der Stelle getreten. Eine »ambulante sonderpädagogische Förderung aus dem Koffer«, also eine nur additiv verstandene Sonderpädagogik ist ein Musterbeispiel für die Fehlentwicklungen »integrativer« Pädagogik. Selektive Strukturen ließensich unter diesen Bedingungen kaum beseitigen.
Klarheit gewannen wir vor allem durch das Studium der Gegenüberstellung der Visiön der Inklusion mit den Fehlentwicklungen in integrativen Schulen, die Andreas Hinz (2002) veröffentlichte. Daran anknüpfend zeige ich in der Darstellung auf Seite 129 am Beispiel der multiprofessionellen Teamarbeit, was sich in der Grundschule Berg Fidel ab 2002 zum Motor und Ausgangspunkt für Veränderung entwickelte.
Merkmale eines Unterrichts, der Kindern Erfolge vermittelt und sie nicht ausgrenzt, sind:

  1. Effizientes Regelsystem (Verlässliche Regeln, Rituale und Verfahrensweisen sind mit den Schülern verabredet, Konsequenzen bei Verstößen gegen die Regeln werden möglichst vorab gemeinsam im Klassenrat vereinbart)
  2. Wirksame Unterrichtsorganisation (Klassenraum und Unterricht sind vorbereitet, Transparenz und Mitsprachemöglichkeiten für alle Beteiligten, inhaltliche Klarheit, Differenzierung, Strategien für potenzielle Probleme sind eingeplant, Zeit wird effektiv genutzt)
  3. Störungskontrolle (Beaufsichtigen, Regelverstöße werden verlässlich, mit minimalem Aufwand und unverzüglich im Sinne der Klassenrat-Verabredung unterbunden)
  4. Verantwortlichkeit (Verfahren, die den Schülern die Verantwortlichkeit für die Ergebnisse ihrer Arbeit verdeutlichen, z. B. werden Schüler an Planungen beteiligt, es werden Freiräume gewährt, Lerntagebücher und Gespräche zur Reflexion genutzt)
  5. Zusammengehörigkeit (Aktivitäten, die dem Gemeinschaftserleben der Klasse dienen, Atmosphäre der Zugehörigkeit)

Diese Qualitätsmerkmale werden in der internationalen Forschung als Erkennungszeichen guter Klassenführung betrachtet. Klassenführung gilt als das Merkmal, das am eindeutigsten Einfluss auf Leistungsniveau und Leistungsfortschritt von Schulklassen hat. Auch im nicht »lehrergesteuerten Unterricht« bei der Einzel- oder Gruppenarbeit, bei Projekten und in freien Arbeitsphasen sind solche verlässlichen und transparenten Strukturen für Kinder und deren Lernerfolge wichtig.
Öffnung und Strukturierung von Unterricht sind kein Widerspruch, sondern ergänzen sich.
Nur wenn die strukturierende Klassenführung vernachlässigt wird, kommen Nachteile stark heterogener Lerngruppen zum Vorschein. Lehrerinnen fühlen sich überfordert und die Lernchancen »gemeinsamen« Unterrichts werden vertan. Auffällige Kinder werden zu Störern und fühlen sich ihrer Klasse nicht mehr zugehörig. Die schulische Antwort darauf heißt in vielen Fällen Ausgrenzung und Überweisung auf »Sonder-Schulen«.

Vordergrund Kombination von unveränderter Schul-,Sonder- und Sozialpädagogik. Sonderpädagogen sorgen dafür, dass das problematische Kind nicht stört, der Unterricht nicht verändert werden muss und es trotzdem dazulernt (z. B. durch simultanes Dolmetschen, Daneben-sitzen, Anpassen an den gewohnten Ablauf)

Multiprofessionelle Teamarbeit (vgl. Stähling 2005; 2009)

Dass die Schule Berg Fidel für einige Kinder noch nicht gut genug war, soll nicht verschwiegen werden. Auch dort wurde ausgesondert. Wie leicht sich im Alltag Ausgrenzungsmechanismen einschleichen, zeigt das Beispiel eines Jungen mit Namen Milan. Er traktierte so sehr die anderen Kinder in seiner Klasse, dass nach einem Jahr das Team die Hoffung aufgab und für die Überweisung in eine Förderschule plädierte. Die Kolleginnen schienen »mit ihrem Latein am Ende« zu sein, nachdem sie vieles vergeblich versucht hatten. Niemand wollte und konnte noch weitere Kraft »investieren«, um dem Jungen zu helfen. Es galt auch die anderen Kinder zu schützen. Allerdings ließ mich als Schulleiter die Metapher von der Schule als Schiff nicht ruhen. Wir fahren nun einmal wie auf einem Schiff übers Meer und wir wollen eigentlich niemanden – weder Kinder noch Erwachsene – über Bord werfen.

In einer Supervision wurde ein Perspektivwechsel gewagt: Das Team versetzte sich während einer angeleiteten Phantasiereise in eine alltägliche Situation hinein, in der der Junge etwas tat, das die Mitarbeiter hilflos machte, ärgerte oder provozierte. Dann wechselte jeder die Perspektive und identifizierte sich mit dem Jungen: Wie fühle und denke ich als Milan? Was berührt mich besonders? Alle Mitarbeiter sagten, dass Milan mehr Zuwendung will. Er lenkt Aufmerksamkeit auf sich, indem er etwas »anstellt«. Unsere vergeblichen Maßnahmen zur Integration in die Klassengemeinschaft scheiterten, weil der Junge jedes pädagogisch ausgefeilte Gruppenangebot (Entspannungsübungen, Reiten, intensives Kleingruppentraining u. a.) für seine Zwecke umdefinierte: Er wollte, dass man sich mit ihm beschäftigt und ihn in den Mittelpunkt rückt. Durch sein Verhalten unterlief er unsere Gruppenaktivitäten und brachte sie zum Kippen. Die Pädagoginnen gaben ihn schließlich auf, weil ihre Maßnahmen und Methoden nicht zum Erfolg führten. In dieser Situation stellte eine Lehrerin die entscheidende Frage: Was wollen wir eigentlich? Wollen wir unsere attraktiven Angebote durchführen und ihn dann davon ausschließen oder wollen wir in erster Linie zu ihm eine Beziehung aufbauen? Es dauerte etwas, bis wir erkannten, dass unsere qualifizierten Angebote ihm nichts halfen, weil wir sie auf jeden Fall »durchzogen«. Sie waren bereits fest im Stundenplan verankert. Raumbelegungspläne, Einsatzzeiten der Kolleginnen, Qualifikationen der Mitarbeiterinnen und die Abstimmung mit anderen Projekten schienen uns zu zwingen, die geplanten Gruppenaktivitäten durchführen zu müssen, ohne selbstkritisch zu fragen, für wen sie nützlich sind. Für einige Kinder waren sie passend und wertvoll, aber nicht für Milan. Statt den »auffälligen« Jungen dort abzuholen, wo er stand, bekamen die Maßnahmen eine Eigendynamik. Dass Milan nicht mitspielte, störte den Plan und führte zu Ermahnungen und schließlich zum Ausschluss vom für das Kind scheinbar so wichtigen Angebot. »Schade« – hieß es – »Milan hätte hier so gut lernen können.« Doch bereits am Tag nach der Supervision begannen wir, Milan anders wahrzunehmen – als ein Kind, das verzweifelt nach Liebe schreit. Wir gaben es auf, irgendein Verhalten von ihm zu erwarten. Wir forderten nicht mehr, dass er an einem Angebot teilnahm. Alle Lernanforderungen wurden reduziert. Stattdessen nahmen wir ihn an die Hand und fragten, was er gerne machen wolle. Wir zeigten ihm vieles im Haus, im Gelände, außerhalb der Schule und warteten, bis ihn irgendetwas interessierte. Nur daran knüpften wir an – und fanden den Weg zu ihm, weil er endlich keine Misserfolge mehr zu erleben brauchte. Milan blieb an der Grundschule Berg Fidel. Die Mitarbeiter reagierten flexibler und forderten nur so viel von ihm, wie er sich selbst abverlangte. Wir haben gelernt: Nicht das pädagogische oder therapeutische Angebot oder gar die Mindeststandards, sondern die Beziehung zum Kind entscheidet über den Erfolg. Die Entscheidung, dass ein Kind hierhin gehört – »egal was es anstellt« –, ist bereits ein sehr bedeutendes Beziehungsangebot. Das Kind spürt, dass man es nicht fallenlässt. Wenn wir lernen, einem Kind auf die Seele zu schauen, akzeptieren wir dadurch noch nicht sein Verhalten, aber wir erklären es uns und bleiben so handlungsfähig. Wir dürfen bei allem didaktischen Anspruch nie die Beziehung zu den Kindern zu kurz kommen lassen.

Literatur

Gomolla, M./Radtke, F.-O. (2000): Mechanismen institutionalisierter Diskriminierung in der Schule. In: Gogolin, I. /Nauck, B.: Migration, gesellschaftliche Differenzierung und Bildung. Opladen: Leske / Budrich, S. 321–341.

Hinz, A. (2002): Von der Integration zur Inklusion – terminologisches Spiel oder konzeptionelle Weiterentwicklung? In: Zeitschrift für Heilpädagogik 53,9, S. 354–361.

Hinz, A. (2009): Inklusive Pädagogik in der Schule – veränderter Orientierungsrahmen für die schulische Sonderpädagogik!? Oder doch deren Ende?? In: Zeitschrift für Heilpädagogik 60,5, S. 171–179.

Möller, G.: Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in NRW 2000–2008. In: Schulverwaltung NRW, 20. Jg., H. 11, S. 315–316.

Platte, A. (2005): Schulische Lebens- und Lernwelten gestalten. Didaktische Fundierung inklusiver Bildungsprozesse. Münster: Monsenstein und Vannerdat.

Preuss-Lausitz, U. (2002): Untersuchungen zur Finanzierung sonderpädagogischer Förderung in integrativen und separaten Schulen. In: Eberwein, H. / Knauer, S.
(Hrsg.): Integrationspädagogik. Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen lernen gemeinsam. Weinheim: Beltz (6. überarb. Aufl.), S. 514–524.

Schleicher, A.: Moderne Schulleitung im Wandel. Schussfolgerungen aus OECD Analysen. In: Die Deutsche Schule, 101. Jg., H. 4, S. 311–322.

Schwager, M. (2005): Eine Schule auf dem Weg zur Inklusion? Entwicklungen des Gemeinsamen Unterrichts an der Gesamtschule Köln-Holweide. In: Zeitschrift für Heilpädagogik 56, 7, S. 261–268.

Seitz, S. (2004): Zu einer inklusiven Didaktik des Sachunterrichts. In: Kaiser, A./Pech, D. (Hrsg.): Integrative Dimensionen für den Sachunterricht. Neuere Zugangsweisen. Basiswissen Sachunterricht Bd. 3. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren, S. 169 –180.

Stähling, R. (2005): Teamarbeit inklusive. In: Christiani, R. (Hrsg.): Jahrgangs übergreifend unterrichten. Berlin: Cornelsen, S. 48–53.

Stähling, R. (2009): ),Du gehörst zu uns« – Inklusive Grundschule. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren (2., veränd. Auflage).

Stähling, R./Wenders, B. (2009): Ungehorsam im Schuldienst. Der praktische Weg zu einer Schule für alle. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren. Van Veen, H.: Programm. Zangbeheer, Soest, Holland 2009.

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»An den Kindern kann es nicht liegen!«

Über die Aussonderung der Armen in Deutschland

Artikel in GS aktuell 97, Februar 2007
In Armutsgebieten In Armutsgebieten gibt es mehr als anderswo Kinder, die Ihre Freizeit selbstständig Im sozialen Nahraum verbringen. Sie werden mehr allein gelassen und müssen sich häufig selbst ernähren. Medienkonsum bestimmt häufig den Tag. Nicht selten sollen sie allel ne morgens aufstehen. frühstücken, rechtzeitig zur Schule gehen, die Versorgung der Geschwister übernehmen. Kinder in benachteiligten Lebenslagen sind gezwungen, solche »Behinderungen« Ihrer Entwicklung auf dem Weg zu »allgemeiner Bildung« zu überwinden. Wegen schwacher SchulleIstungen und unangepasstem Verhalten »landen« die meisten auf Schulen, wo sich überwiegend Kinder aus armen Familien und Migranten treffen: auf Haupt- und »Behinderten«-Schulen. Den Gipfel der Aussonderung erlebt die Bevölkerungsgruppe der Roma in Mittel- und Osteuropa: Bis zu 75 % der Romaklnder gehen in Schulen für geistig Behinderte.

Der Teufelskreis beginnt In der Regel recht harmlos, nämlich damit, dass sich eine Grundschullehrerin durch ein Kind aus benachteiligten Lebenslagen überfordert fühlt. Nicht selten fangen auch Mitschüler an, sich wegen eines auffälligen Verhaltens zu beschweren.
Sie grenzen sich ab. Isolieren es und berichten zu Hause den Eltern. Einige Eltern suchen die Lehrerin auf und bitten darum, dass ihr Kind nicht mit dem »Störer« zusammen sitzen solle. er lenke Ihr Kind vom Arbeiten ab. Die Lehrerin mahnt die Eltern des »schwierigen« Schülers mehrmals an und bittet um Mithilfe. Falls sie mit den Eltern keine Lösung findet. empfiehlt sie. eine Beratungsstelle aufzusuchen. Es vergehen Monate. In denen sich wenig verändert. Um sich zu entlasten. berichtet die Lehrerin den Kollegen und der Schulleitung von Ihren Problemen. Die Schule schaltet eine Beratungsstelle oder einen sozialen Dienst ein. da die Eltern selbst keine Initiative ergreifen. Bel den üblichen Wartezeiten vergehen weitere Monate und das nächste Zeugnis rückt näher.

In den Zensuren oder Gutachten spiegeln sich oft drastisch ie hilflosen Versuche wider, dem Kind und den Eltern eine »letzte Warnung« mitzugeben. Spätestens jetzt droht die Nichtversetzung oder die Überweisung In eine »(Aus-)Sonder-Schule«. Der Fall belastet die ganze Klasse. Fachlehrer beklagen sich ebenfalls über Schwierigkeiten. Der Schüler erfährt, dass er In der Klassengemeinschaft keinen sicheren Platz hat. Ihm wird gesagt. dass er »rausfllegt«, wenn er »so weiter macht«. Kind. Eltern. Lehrerin und Klassengemeinschaft erleben sich fast täglich als hilflos. Die Abwörtssplrale ist nicht mehr zu bremsen. Ein sonderpädagogisches Verfahren wird eingeleitet, der IQ des Kindes getestet, seine Gesundheit geprüft, sein Verhalten von einem »Sonder«-Schullehrer beobachtet und protokolliert. Das Ergebnis dieser »Überprüfung« steht zwar nicht vorher fest, aber niemand kann sich In dieser verfahrenen Lage vorstellen, wie es weiterginge, wenn das Kind wider Erwarten doch in dieser Klasse bleiben müsste. Mindestens ein Wechsel wird empfohlen: »Das Kind gehört hier nicht hin. Wir sind die falsche Schulet« Am Ende finden wir ein entmutigtes Kind vor, das keine Chance hatte zu lernen. sein Leben selbst In die Hand zu nehmen.

Uwe
Uwe ist 2 Jahre alt: Vater hatte die Mutter öfter geschlagen. Mutter verlässt die Familie. Sie versucht Uwe zu sich zu nehmen, scheitert damit. Vater bedroht sie. Alkoholmissbrauch des Vaters. Vater verhindert. dass Uwe zu seiner Mutter Kontakt aufnimmt. Der Allgemeine Sozialdienst (ASD) besucht Vater und Uwe, zu Hause, Vater bekommt vorläufiges Sorgerecht; Tagespflege: Betreuung bei Nachbarin.
Ab 3 Jahre: Der Kontakt zwischen Mutter und Uwe ist abgebrochen. Neue Lebensgefährtin des Vaters mit 5-jähriger Tochter (bisher in Pflegefamilie) zieht in die Wohnung. Vater streitet sich lautstark mit der neuen Frau unter Alkoholeinfluss. Vater ist arbeitslos.

Nach der Scheidung bekommt der Vater das Sorgerecht mit der Begründung, dass die leibliche Mutter den Kontakt zu Uwe abgebrochen hat. ASO hat keine weiteren Kontakte zum Vater. Nachts wird mehrfach die Polizei gerufen, um die Alkoholisierten zur Ruhe zu bringen.
6 Jahre: Uwe fällt auf durch starke Aggressivität, Angst vor Menschen, Sprachstörungen. Das Verhältnis vom Vater und dessen Lebensgefährtin zu Uwe scheint zerstört. Uwes Verhaltensauffälligkeiten sind Thema im Kindergarten. Er wird vom Schulbesuch zurückgestellt.
Ab 7 Jahre: Uwe besucht die Sprachheilschule und fällt dort durch sein Verhalten auf. Uwe verbringt ohne Wissen der Eltern ganze Nachmittage außer Haus. Lebensgefährtin des Vaters bittet um Hilfe durch den ASO, weil Uwe sich ihr gegenüber aggressiv verhält. ASD-Beratungsgespräche: das Angebot einer Erziehungsbeistandschaft wird abgelehnt. Vater weist Einblick des ASO in familiäre Verhältnisse zurück. ASO vermittelt Besuch der Familie bei einer Erziehungsberatungsstelle. Dort lehnt der Vater persönliche Fragen ab und sagt, dass nur Uwe eine psychologische Beratung benötige. Die Psychologin berät daraufhin die Familie nicht mehr weiter.
10 Jahre: Uwe wechselt nach drei Jahren Sprachheilschule auf die Regelgrundschule, dann auf eine Gesamtschule.
11 Jahre: Uwe ist durch den Unterricht der Gesamtschule überfordert, erledigt seine Hausaufgaben nicht und bleibt der Schule einige Male fern. Lehrer ermahnen ihn wegen der fehlenden Hausaufgaben. Der Vater verprügelt ihn, als er informiert wird. Daraufhin flüchtet Uwe für zwei Tage aus dem Haus. Uwe wird bei einem Ladendiebstahl mit einer Gruppe gefasst. Polizei kann die Eltern nach dem Ladendiebstahl nicht erreichen und bringt Uwe in ein Aufnahmeheim. Ein Sozialpädagoge spricht mit Uwe und den Eltern. Uwe kann sich kaum äußern. Vater beschimpft ihn und spricht resigniert über die Entwicklung seines Sohnes: Trotz aller Strenge habe er ihn nicht mehr im Griff. Er solle ins Heim. Es erfolgt keine Heimeinweisung. Stattdessen wird ein Kontakt zu einer Erziehungsberatungsstelle hergestellt; Uwe ist nicht bereit und in der Lage, die Hilfe anzunehmen. Die Beratung wird schon nach der ersten Sitzung abgebrochen.
12 Jahre: Ladendiebstahl; Uwe wird gefasst. Polizei bringt Uwe nochmals in das Aufnahmeheim. Er wird auf eigenen Wunsch von dort nach Hause entlassen. Uwe fehlt drei Wochen unentschuldigt in der Schule. Weiterer Ladendiebstahl, bei dem Uwe flieht und beim Herauslaufen eine Frau in die Fensterscheibe stößt. Aus Angst vor dem Vater will er nicht mehr nach Hause und bittet beim Jugendamt, in ein Heim aufgenommen zu werden. Im Aufnahmeheim hält sich Uwe nicht an die Regeln. Uwe wohnt wieder zu Hause. Er fehlt weiterhin in der Schule. Vater versucht durch starken Druck Uwes Verhalten zu ändern. Unter Alkoholeinfluss kommt es zu körperlichen Übergriffen.
In den folgenden Jahren überschlagen sich die Ereignisse bei Uwe. Seine Lage spitzt sich weiter zu: Sucht und Delinquenz folgen. Uwe wird in eine Schule für Lernbehinderte und – sogar noch mit 16 Jahren – in eine Schule für Erziehungshilfe überwiesen. Es ist zu erwarten, dass Uwe zu den 23 % der Schüler in Deutschland gehört, die mit 15 Jahren kaum oder gar nicht lesen können. Uwe findet trotz Förderung, Begleitung und Beratung wie viele andere »Sozialbenachteiligte- mit Lern-, Leistungs- und Verhaltensproblemen keine Arbeit. Im »Verschiebebahnhof« zwischen Schulen, ASO, Heim, Polizei, Beratungsstelle u.a. übernimmt niemand dafür Verantwortung, dass Uwe wirksame Hilfe bekommt.

Trösten

Zwei weitere Kinder aus Armutsgebieten, Susan und Mike, mögen zeigen, wie verschieden die belastenden Situationen sein können:

Susan
Susan, ein Kind von Asylbewerbern, hat starke Sprechstörungen. Ich kann sie kaum verstehen. Häufig verschluckt sie Silben. Ich habe das Gefühl, dass sie mir viel mitzuteilen hat. Sie will mir immer wieder in ihrer gebrochenen Lautsprache ihre Freude und ihre Sorgen erzählen. Nach einem Jahr sind die Eltern bereit, das Gehör untersuchen zu lassen. Sie gehen aber nicht zum Arzt. Als die Lehrerin anbietet, selbst das Kind und die Eltern mit dem eigenen Auto zum Arzt zu bringen, stimmen die Eltern zu. Am Untersuchungstag kommen die Eltern nicht. Die Lehrerin fährt alleine mit dem Kind. Der Ohrenarzt stellt bei dem Mädchen eine gravierende Hörstörung auf einem Ohr fest, die u.a. durch falsche Ohrhygiene verursacht ist. Hinter dieser so genannten »Sprachbehinderung« entdecken wir ein Problemgemisch, das typisch ist für solche Lebenslagen:
Das Mädchen stammt aus einem Land, in dem die Eltern politisch verfolgt wurden. Sie sind misstrauisch gegenüber allen »staatlichen« Eingriffen und stehen sonderpädagogischer Förderung und ärztlichen Untersuchungen misstrauisch gegenüber.
Die Familie ist überfordert mit der Bewältigung des Alltags. Die Kinder kommen häufig zu spät zur Schule, vergessen ihre Pflichtaufgaben. Schulanmeldungen und andere amtliche Pflichten werden nur nach mehrfacher Aufforderung erledigt.
Die Mutter spricht kaum Deutsch, der Vater etwas besser. Zur Verständigung mit den Eltern ist meist ein Dolmetscher erforderlich.
Um Susan also helfen zu können reicht eine pure sprachtherapeutische Behandlung nicht aus. Auch Deutschunterricht in Einzelförderung zeigt kaum Erfolg. Ebenso ist die ohrenärztliche Behandlung nur ein erster Schritt. Somit ist bei diesem Kind die »Gesundheitsförderung« gleichzusetzen mit aufsuchender Elternarbeit und dem Leben im Schulalltag. Erst auf dieser Basis können »Therapiemaßnahmen« wie Sprechübungen und Deutschförderung auf fruchtbaren Boden fallen.

Mike
Wenn Mike morgens die Klasse betritt, sieht man, dass er wieder erst um Mitternacht ins Bett gekommen ist. Er hat mit dem großen Bruder zusammen vor dem Fernseher gesessen. Mutter hat es nicht geschafft, ihn ins Bett zu bringen. So muss er erst mal auf den »Lesehimmel« und sich ausruhen. Mike ist 9 Jahre alt und lernt zögernder als viele seines Alters, aber er ist kein »Schlusslicht«. Er betreut sogar ein Patenkind, das gerade in die Schule gekommen ist.
Als Mike selbst noch Erstklässler war, hatte er noch viel Angst. Inzwischen ist er besonders eifrig, wenn es darum geht, seinem Patenkind die Furcht vor dem Wald zu nehmen. Dieser Erstklässler war nämlich noch nie im Wald und glaubt dort auf Tiger und Schlangen zu stoßen.
Mike kennt die Regeln seiner Klasse ganz genau. Und er erklärt seinem Patenkind die Regeln in der Turnhalle. Oft hat Mike Streit mit anderen Kindern. Dann geht er wutschnaubend zum Klassenratbuch, trägt ein, was ihm der andere getan hat – und sein Ärger verfliegt meist erstaunlich schnell. Einige Tage später ist Zeit für ein ausführliches Gespräch im Klassenrat.
Mike weiß auch, was auf dem Tagesprogramm steht. Wichtig für Mike ist, dass er über alle Vorhaben bereits morgens am Tagesplan informiert wird. Er ist durchaus in der Lage. Tätigkeiten zu bewältigen, die er nicht mag, wenn er zuvor erfahren hat, was auf ihn zukommt.


Kinderversammlung

»Inklusive Schule«

Wie müsste eine allgemeine Schule, ein »Haus des Lernens« beschaffen sein, wenn sie Uwe, Mlke und Susan zum Schulabschluss bringen könnte? Was hätten Uwe. Mlke und Susan gebraucht. um sich trotz Ihres belasteten privaten Lebens positiv entwickeln zu können? Unter welchen schulischen Bedingungen hätten sie Im Unterricht Fortschritte erzielt und ein verantwortungsbewusstes Leben lernen können?
Zuerst einmal stabile Beziehungen zu förderlichen Menschen. durchschaubare und feste Strukturen und schließlich das konsequente und umgehende Reagieren auf Fehlverhalten.
Eine Schule, die dies leisten kann, sagt nicht: »Du gehörst hier nicht hin!« Jeder Ist willkommen, der In der Nähe wohnt: Inklusive die »Schwachen«, »Schwierigen«, »Hochbegabten«, »Behinderten« oder »Roma« (ausführlicher siehe STÄHLING 2006). Eine solche humane oder »Inklusive« Schule hat folgende Qualitätsmerkmale:
1. Aufsuchende Elternarbeit als fester Bestandteil des Schulkonzepts: Unterstützt und In enger Kooperation mit Schulsozialarbeitern und Jugendhilfe bekommen Uwes Eltern (und die Eltern von Susan und Mlke) Hilfe.
2. Effiziente Klassenführung als Faktor der UnterrichtsqualItät. Kennzeichen:

  • Regelsystem. das mit Uwe und seinen Mitschülern gemeinsam Im Klassenrat erarbeitet wird.
  • Konsequente Reaktionen auf Regelverstöße Im Sinne der Klassenratsverabredungen: Uwes verhalten Ist niemandem gleichgültig, er spürt umgehend die Konsequenzen seines Handeins.
  • Transparente Unterrichtsorganisation: Uwe, Susan und Mlke können genau einschätzen, was von ihnen verlangt wird und welche Aufgaben auf sie zukommen. Sie können mitreden und mitbestimmen.
  • Zusammengehörigkeitsgefühl: Uwe, Susan und Mlke werden ermutigt, aktive Beiträge zur Klassengemeinschaft zu leisten.

3. Ganztägige Erziehung, In der Uwe, Mlke und Susan stabile Strukturen für ihre Entwicklung und verlässliche Bezugspersonen finden.
4. Kinder mit besonderem Förderbedarf in jede Klasse. ohne dass sie als »Sonderschüler« etikettiert werden (Inklusion).
5. »Multiprofessionelle Teams« In jeder Klasse: Klassenlehrer, Fachlehrer, Sonderpädagogen sind gemeinsam für alle Kinder zuständig. Uwe kann weder abgewiesen, noch ausgesondert werden (Inklusion). Als Stützmaßnahme für das Team Ist externe Supervision erforderlich.
6. Eine einheitliche Schule von der Vorschule bis zur zehnten bzw. dreizehnten Klasse ohne Schulwechsel. Weil er in der Einrichtung bleibt, können Fördermaßnahmen und Kontakte ohne Unterbrechung fortgeführt werden. Heterogene und altersgemischte Klassen verzichten auf das Sitzenbleiben und bieten somit Uwe zusätzliche Chancen, sich in einer stabilen Gruppe zu erleben.

Es gibt und gab eine Reihe reformpädagogiseher Schulen oder Tageshelme, die viele dieser Qualitätsmerkmale erfüllen. Inklusive Schulen können »Treibhäuser der Zukunft« (REINHARD KAHL) sein. VerhaltensauffällIge Kinder In allgemeine Schulen zu Integrieren gilt heute unter Sonderpädagogen als sehr schwierig. 31000 Schüler besuchen entsprechende Sonderschulen. Trotzdem gehen solche Kinder nicht überall In Sondereinrichtungen. Auch In Deutschland werden 12000 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf Im Bereich »Emotionale und soziale Entwicklung« in allgemeinen Schulen Integriert. Erfolge sind empirisch belegt (vgl. PREUSS-LAUSITZ/TEXTOR 2006). Fast 30000 Schüler mit »Lernbehinderungen« lernen im Gemeinsamen Unterricht. Ausländische Schüler werden anteilmäßIg häufiger als deutsche mit dem Etikett »lernbehindert« eingestuft.
Wie ratlos und überfordert das deutsche Schulwesen Ist, wird daran deutlich, wie unterschiedlich die einzelnen Bundesländer auf Folgen von KInderarmut reagieren. So gehen »erziehungsschwierige« Kinder In Hamburg zu 100 % in die Allgemeinen Schulen, während sie In Rhelnland-Pfalz zu 100 % in der Sonderschule lernen. Sachlogische und fachliche Gründe bestimmen offensichtlich nicht den Förderort. In einigen Bundesländern werden kaum ausländische Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in allgemeinen Schulen integriert, sondern diese Benachteiligten gehen fast alle In Sonderschulen. Anderswo Ist es umgekehrt. sie besuchen mehrheitlich die allgemeinen Schulen. Wer weitere deutsche Kuriositäten dieser Art sucht, dem empfehle Ich die Lektüre der KMKStatistik (www.kmk.org).
An den Kindern kann es nicht liegen! Wie lange können und müssen sich die vielen verantwortungsbewussten und engagierten Grundschulkolleg/innen noch an diesem Aussonderungssystem beteiligen?

Literatur
HANSBAUER, PETER (Hrsg.): Entwicklung und Chancen junger Menschen In sozialen Brennpunkten. Bonn: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2000
PREUSS-LAUSITZ, UlF / TEXTOR, ANNETTE: Verhaltensauffälige sinnvoll Integrieren – eine Alternative zur Schule für Erzlehungshilte.
In: Zeitschrift tOr Heilpadagoglk, 57, 2006, I, S. 2–8
STAHllNG, REINHARD: »Du gehörst zu uns« – Inklusive Grundschule. Ein Praxisbuch für den Umbau der Schule. Baltmannsweiler 2006: Schneider

Die Kinderzeichnungen In diesem Beitrag sind dem neuen Bu

 

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Ganztägige Erziehung mit multiprofessionellen Teams in altersgemischten Klassen

aus: Auf dem Weg zur Ganztags-Grundschule
hrsg. von Karlheinz Burk und Heike Deckert-Peaceman

erschienen im Band 122: Beiträge zur Reform der Grundschule
vom Grundschulverband – Arbeitskreis Grundschule e.V. 2006, Frankfurt am Main

Kinder aus 25 Nationen leben im Stadtteil Berg Fidel in Münster. Das zeigen schon die Außenwände der dortigen Grundschule. Sie sind bemalt mit bunten Bildern aus vielen Ländern: ein Ergebnis des Projekts »Unsere Schule soll schöner werden«. Ein bisschen staunen die Pädagogen selber, dass seit Jahren niemand mehr die Schulwände beschmiert. Die Kinder fühlen sich mit ihrer Schule verbunden. Berg Fidel ist zwar ein sozialer Brennpunkt, aber diese internationale Schule ist so etwas wie eine Insel, zu der man täglich übersetzt.

lbrahim lebt und lernt im Ganztag

Ibrahim besucht in der Grundschule Berg Fidel eine Ganztagsklasse. Er lebt und lernt vier oder fünf Jahre zusammen mit seinen Mitschülern und hat dieselben erwachsenen Bezugspersonen. Wenn Ibrahim morgens die Klasse betritt, sieht man, dass er wieder erst um Mitternacht ins Bett gekommen ist. Er hat mit Vater zusammen vor dem Fernseher gesessen. Mutter hat es nicht geschafft, ihn ins Bett zu bringen. So muss er erst mal auf den »Lesehimmel« und sich ausruhen. Im Wechsel von Spannung und Entspannung, von Spiel, offenem Sport und Arbeit findet Ibrahim seinen eigenen Rhythmus in der Gruppe. Ein 45-Minuten-Takt wäre undenkbar, ein Störfaktor.

Mit Ibrahim zusammen besuchen ca. 200 Kinder die Schule. Kinder aus den Jahrgängen 1–4 lernen zusammen in derselben Klasse. Die Klassen haben Namen von Tieren oder Pflanzen. Ibrahim ist neun Jahre alt und lernt langsamer als viele seines Alters, aber er ist kein »Schlusslicht«. Und sitzen bleiben kann er auch nicht. Er betreut sogar Maxi, sein Patenkind, das gerade in die Klasse gekommen ist. Schon im Kindergarten war er mit dem kleinen Maxi in derselben Gruppe und hatte sich gut mit ihm verstanden. Maxi war bereits im Mai zu einem Schulbesuchstag in Ibrahims Klasse gekommen. Als Ibrahim selbst noch Erstklässler war, hatte er noch viel Angst. Inzwischen ist er besonders eifrig, wenn es darum geht, Maxi die Furcht vor dem Wald zu nehmen. Maxi war nämlich noch nie im Wald und glaubt dort auf Tiger und Schlangen zu stoßen.

Für Ibrahim und seine 24 Mitschüler zwischen fünf und zwölf Jahren ist ein »multiprofessiollelles Team« zuständig. Die Klassenlehrerin, eine Sonderpädagogin, eine Erzieherin und studentische Mitarbeiter fühlen sich für die Kinder zwischen 7.45 Uhr und 15.30 Uhr verantwortlich. Kein Erwachsener steht mit seiner schweren Aufgabe alleine. Die Arbeit wird in wöchentlichen Teamsitzungen koordiniert. Alle sechs Wochen nutzen die Mitarbeiter dieser Klasse eine Teamsupervision.

Ibrahim ist kein Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf, aber in seiner Klasse leben und lernen zwei so genannte »lernbehinderte« Kinder, ohne dass Ibrahim dies weiß. Keiner würde sie als »Sonderschüler«etikettieren. Der »gemeinsame Unterricht« ist orientiert an einer »inklusiven« Pädagogik der Vielfalt (vgl. STÄHLING 2006). Jedes Kind, das in die Ganztagsklasse kommt, wird vor Schulbeginn von der Erzieherin der zukünftigen Klasse zu Hause besucht.

Ibrahim kennt die Regeln seiner Klasse ganz genau. Sie wurden mit den Kindern gemeinsam im Klassenrat festgelegt. Und Ibrahim war es, der Maxi die Regeln der Bewegungsbaustelle in der Turnhalle genau erklärt hat. Wenn er – wie manchmal – gegen Schulhofregeln verstößt, kann er mit einer konsequenten Reaktion rechnen, denn die Schulklasse hat dies mit ihm verabredet. Darüber wird nicht lange diskutiert, weil vorab die Konsequenzen klar sind. Oft hat Ibrahim Streit mit anderen Kindern. Dann geht er wutschnaubend zum Klassenratbuch, trägt ein, was ihm der andere getan hat – und sein Ärger verfliegt meist erstaunlich schnell. Einige Tage später ist Zeit für ein ausführliches Gespräch m Klassenrat. Mit großen Augen verfolgt auch Maxi, wie sein Pate sich wieder mit dem Widersacher verträgt. In diesem wohl wichtigsten Gesprächskreis geht es um Probleme in der Klassengemeinschaft. Deshalb sollten auch immer alle Kinder der Klasse dabei sein. Anders als beim »Streitschlichterverfahren« helfen alle mit, das Problem zu lösen (vgl. STÄHLING 2003).

Ibrahim weiß auch, was heute auf dem Tagesprogramm steht. Vor Überraschungen ist man zwar nie sicher, aber selbst die wären keine Katastrophe. Wichtig für Ibrahim ist, dass er über möglichst alle Vorhaben bereits morgens am Tagesplan informiert wird. Er ist durchaus in der Lage, Tätigkeiten zu bewältigen, die er nicht mag, wenn er zuvor erfahren hat, was auf ihn zukommt.

Die Klassenlehrerin sagt, dass effiziente Klassenführung als Faktor der Unterrichtsqualität von großer Bedeutung ist (vgl. STÄHLING 2006).Dies gilt auch und gerade – allen Unkenrufen zum Trotz – für den offenen Unterricht. Manchmal bringen unsere Kinder Besucher zum Staunen, weil- trotz oder gerade wegen der »freien Arbeit« – eine auffallend stille Arbeitsatmosphäre herrscht. Allerdings kann die Klassenlehrerin eine Tatsache nicht recht erklären, nämlich, wie es möglich war, dass Maxi, das Patenkind von Ibrahim, bereits nach zwei Monaten lesen gelernt hat. Zumindest beteuert sie, dass weder die russischen Eltern noch sie als Lehrerin sich darum ausdrücklich gekümmert haben.

Das Konzept der Ganztags-Teamschule

Der gebundene Ganztag

Unsere internationale »Grundschule Berg Fidel« hat zwei voneinander getrennte Abteilungen: Die Vormittagsschule und die Ganztagsschule. Eltern wählen bei der Schulanmeldung, ob ihr Kind in die Ganztagsklasse oder in eine der Vormittagsklassen geht. Wenn es »im Ganztag« angemeldet wird, gelten für alle Kinder die verbindlichen Schulzeiten von 8.00 bis 15.30 Uhr (freitags bis 13.00 Uhr). Nur montags ist die Teilnahme an den Aktivitäten des Nachmittags für alle Schüler freiwillig. An diesem und anderen Nachmittagen werden nämlich etwa 15 verschiedene Arbeitsgemeinschaften für alle Schüler der Schule angeboten.

Die Arbeitgemeinschaften führen zumeist Mitarbeiter der Schule durch, zum Teil aber auch Eltern, Sportvereine, Kirchengemeinden oder das Stadtteil zentrum »Lorenz Süd«. In der schuleigenen »Forscherwerkstatt« findet z. B. eine Technik-AG mit einer Mutter statt, die ausgebildete Tischlerin ist. Eine andere AG pflegt Tiere im Terrarium, eine weitere stellt die Redaktionsgruppe der »Bergzwerge«-Schülerzeitung. AGs müssen auch nicht im Schulgebäude stattfinden, wenn bessere Räume im »Lorenz« zur Verfügung stehen. So können Kinder in der Fahrradwerkstatt Reparaturen ihrer Räder unter Anleitung selbst vornehmen.

»Ganztag statt Betreuung« heißt seit 1992 das Motto. Die Grundschule Berg Fidel hat sich damals bewusst gegen ein Hort- oder Betreuungsmodell entschieden. Stattdessen bleibt in der Ganztagsschule die Kindergruppe bis 15.30 Uhr zusammen. Jedes Ganztagskind verbringt normalerweise seine gesamte Grundschulzeit in derselben Klasse. Verlässlichkeit hat Priorität.

Zur Vorbereitung der Ganztagsschule war ein Arbeitskreis aus Eltern und Mitarbeitern gegründet worden. Wir entschieden uns für das gebundene Modell der Wartburg-Grundschule (s. Anmerk. 1). Wir starteten 1992 mit einem ersten Schuljahr. Einige Jahre später ergänzten wir unsere Arbeit durch sonderpädagogische Förderung. 2002 entschied sich die Schule nach jahrelangen Vorbereitungen in einem Eltern-Mitarbeiter-Arbeitskreis für den Abbau der Jahrgangsklassen, zunächst in der Vormittagsschule. Die Altersmischung mit den Jahrgängen 1 bis 4 wurde entwickelt. Weitere zwei Jahre später löste auch der Ganztag nach gründlicher Vorbereitung in dem Arbeitskreis mit Eltern und Mitarbeitern die Jahrgangsklassen auf. Von der Wartburg-Grundschule haben wir auch übernommen, dass jede Klasse zwei feste, nebeneinander liegende Räume zur Verfügung hat, für die sie allein zuständig ist. In einem Raum finden vorwiegend ruhigere Aktivitäten statt: konzentrierte und gelenkte Arbeit sowie Frühstück und Mittagessen. Im anderen Raum, den einige »Spieleraum« nennen, ist es auch mal laut, wird gebaut, in Gruppen gearbeitet und mit Puppen gespielt. Die Kinder erleben klare Strukturen innerhalb ihrer Schulzeit. Das erleichtert den Umgang miteinander. Reviere, Regeln und Routinen können so leichter für alle transparent gemacht und konsequent eingefordert werden.

Arbeiten und Erholen, Lernen und Spielen wechseln sinnvoll miteinander ab. »Rhythmisierung« des Schultags ist die Zauberformel dafür. Die engagierten Lehrerinnen und Lehrer der vier Ganztagsklassen, die auch die Schule mit Vormittagsunterricht aus eigener Erfahrung gut kennen, haben zeitweise das Gefühl, auf Klassenfahrt zu sein. Nicht nur das gemeinsame Essen im Klassenraum, das Zähneputzen mit Zahnputzdiensten, die Vorlesezeit im Lesehimmel auf dem Hochbett oder das Hosenwechseln nach dem wöchentlichen Waldspaziergang erinnert an solche gemeinsamen Klassenerlebnisse. Allerdings geht hier alles sehr diszipliniert zu. Ein Kind, das z. B. die Regeln des leisen Mittagstisches wiederholt missachtet, muss an einem Tag im Flur oder Nebenraum alleine essen. Ein wenig schimmert hier die Reformpädagogik der zwanziger Jahre auf – natürlich auch mit ihren Schwierigkeiten und Belastungen (vgl. STÄHLING 2002a). Auch die«Mitarbeiter« erscheinen hier nicht als »Lehrer« oder »Student», sondern als Partner und verlässliche Bezugsperson der Kinder. Eltern begrüßen die vielfältigen Lerngelegenheiten, die das Leben und Lernen in dieser Ganztagsschule bietet.

Ständige pädagogische Teams

Im sozialen Brennpunkt »Berg Fidel« gibt es eine wesentliche Besonderheit, die dieser Schule zu ihrem ganz eigenen Profil verhilft: Jede der vier Ganztagsklassen wird von einem ständigen pädagogischen Team begleitet. Im Idealfall bleibt das Team während der gesamten Grundschulzeit mit einer Klasse zusammen, damit die Kinder verlässliche Bezugspersonen erleben. In jedem Team arbeiten eine Klassenlehrerin, eine Erzieherinmit halber Stundenzahl und drei Honorarkräfte mit je 8 Wochenstunden. Eltern helfen aus Zeitgründen selten mit. Die meisten Honorarkräfte sind Studenten, die zugleich ihre schulpraktischen Studien und Praktika ableisten. Der rhythmisierte Tages- und Wochenablauf (siehe Abb. S. 256), die Projekte, die Lernmethoden und Unterrichtsinhalte werden in Teamsitzungen geplant und vorbereitet. Auch die Einsatzpläne der Mitarbeiter oder Vertretungsregelungen übernimmt jedes Team völlig selbstständig. Nicht mehr die Einzelkämpferin bestimmt die Grundschularbeit, sondern das Team.

Vor dem Aufbau des Ganztags hatte die Schule maximal 20 Kolleginnen und Praktikanten. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich seitdem verdoppelt, weil auch Sonderpädagoginnen und Sozialpädagoginnen für die Schuleingangsphase hinzukamen. Von Anfang bemühten wir uns, dass alle »neuen« Professionen (Erzieherinnen, Sonderschullehrerinnen, Sozialpädagoginnen, Honorarkräfte) in den Gremien der Schule gleichberechtigt vertreten waren.

Dieses im sozialen Brennpunkt entwickelte Konzept einer Teamschule steht und fällt mit dem Funktionieren der Teamarbeit. Ein wichtiger Punkt für unsere Teamschule ist die Auswahl der Teammitglieder.

Jedes Team gestaltet einmal im Halbjahr eine Klausurtagung zur Koordinierung der Arbeit. Die Schulkonferenz findet dieses Treffen mit Fortbildungscharakter so wichtig, dass sie dafür bereit ist, pro Halbjahr einen Schultag zu »opfern«. Die Schulleitung hat ein großes Vertrauen in die Selbstregulierungskräfte von Teams entwickelt und hält sich aus Konflikten möglichst heraus. Die Beratung und Supervision der Teams wird Psychologen überlassen, die nicht an der Schule arbeiten. Supervision dient der Psychohygiene der Gruppe und gibt den Teammitgliedern Zeit für ausführliche Auseinandersetzungen über die emotionale Befindlichkeit. Dort können Probleme zwischen Mitarbeitern geklärt werden, die normalerweise überall auftreten. Auch Beanspruchungen durch den Umgang mit »schwierigen Kindern« sind Thema.
Für Teams ist eine Arbeitsstruktur erforderlich. Dazu gehören regelmäßige Besprechungen. Die Sitzungen brauchen einen routinemäßigen Ablauf, der für rücksichtsvollen Umgang mit der wertvollen Zeit der Mitarbeiter sorgt. Jedes Team hat über viele Jahre meist in Supervision ihren eigenen Stil entwickelt.

Bewährt hat sich bei vielen folgender Teamsitzungsablauf (vgl. STÄHLING 2005):

  1. Kurze Themensammlung, möglicherweise Festlegung eines
    Protokollführers, eines Sitzungsleiters, eines »Zeitwächters«
  2. Kurze Befindlichkeitsrunde: Wie geht es mir im Moment
    auch unabhängig vom Schulalltag
  3. Kurzer positiver Rückblick auf die letzte Woche: Was gefiel mir am Programm, an den Kindern, an uns Teammitgliedern und an mir selbst? (Negatives ist an dieser Stelle nicht erlaubt, das gehört in die Themensammlung!)
  4. Ausführliche Besprechung der Themen aus der Sammlung
    zu Beginn
  5. Themen, die nicht besprochen werden konnten, kommen in den »Themenspeicher«, der für das nächste Mal Themen sammelt. Falls etwas sehr Wichtiges nicht ausreichend geklärt werden konnte, wird eine Extra-Sitzung vereinbart oder u. U. die Aufgabe im Einvernehmen an eine Teilgruppe delegiert
  6. Kurze Abschluss-Blitzlicht-Runde: Was möchte ich noch loswerden?
  7. Was möchte ich nicht mit nach Hause schleppen?

Im Schulalltag (»zwischen Tür und Angel«) sind Erwachsene immer auch ein Modell für die Kinder. Wie gehen sie damit um, wenn sie sich nicht einig sind, was zu tun ist? Wie klären die Erwachsenen ihre Konflikte untereinander? Haben sie unterschiedliche Meinungen? Respektieren die Pädagogen einen Mitarbeiter, der Schwächen zeigt? Wann und wo besprechen sie ihre Probleme? Alles Fragen, die die Kinder äußerst spannend finden, denn sie wollen wissen, wie man es denn besser macht! Immerhin verlangen die Erwachsenen von den Kindern, gut zusammen zu arbeiten und Konflikte friedlich zu lösen. Hier liegt eine große Chance für Ganztagsklassen – Teams inklusive.

Rhythmisierung des Schultages

Angeregt durch Hospitationen in anderen Schulen sowie durch viele anregende Gespräche im Kollegium und im Arbeitskreis »Ganztag«, kristallisierte sich bei uns Schritt für Schritt ein neuer Stundenplanrhythmus heraus. Er stellt zwar einen Kompromiss zwischen den Ansprüchen von Fach, einzelnem Kind und Gemeinschaft dar, aber schreibt der altersgemischten Klassengemeinschaft die zentrale Rolle zu. Gerade die Fächer Deutsch, Sachunterricht, Kunst und Musik repräsentieren Facetten des Gemeinschaftslebens und ermöglichen eine Bereicherung der Klasse. So gesehen brauchen sie weder in »Kursen« noch in »Epochen« ausgelagert zu werden.

Somit fanden wir einen eigenen, »neuen« Weg, der es ermöglichen sollte, möglichst alle Aktivitäten rund um die Klassengemeinschaft zu sortieren. Die Kinder beziehen ihr Tun dann in erster Linie auf das Leben in ihrer Klasse. Die Schulfeier als größerer Rahmen bietet darüber hinaus die Chance, seine eigenen Klassenproduktionen der größeren Öffentlichkeit vorzustellen.

Unser Stundenplan ist einfach gestrickt und für alle möglichst transparent. Die 4 Ganztagsklassen bleiben bis nachmittags zusammen. Nach diesem Stundenplan ist jede Klasse als altersgemischte Gruppe der Jahrgänge 1 bis 4 täglich lange zusammen. Wichtige Merkmale dieses »veränderten Schultags« sind:

  • Kinder bleiben in der altersgemischten Klasse möglichst viel zusammen, ohne im Laufe des Tags durch häufigen Gruppen-, Lehrer- oder Raumwechsel in der Entwicklung ihrer Arbeitsvorhaben und Gruppenprozesse gestört zu werden. Zeit für Projekte, freie Arbeit oder gelenkte Arbeit, vielfältige Einzel-, Paar- oder Gruppenarbeit.
  • Das Team gestaltet mit den Kindern möglichst lange Phasen ohne Unterbrechung. Sportunterricht ist integrierbar.
  • Religionsunterricht soll nicht als Einzelstunde beim fremden Fachlehrer den Rhythmus des Vormittags unterbrechen. Daher findet der Religionsunterricht als Doppelstunde für die gesamte Schule zur gleichen Zeit statt. (Auch nicht teilnehmenden Kindern werden gezielte Lernangebote gemacht.)
  • »Themenkurse« in Sachunterricht, Mathematik und Deutsch für Leistungsstarke werden klassenübergreifend angeboten und laufen parallel zu den Förderstunden für »schwächere Lerner«.

Rhythmisierung des Schultages einer Ganztagsklasse
(vgl. STÄHLING 1995; 2006):

Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag
ca. 8 bis 9.30 Uhr FA + GA / Sitzkreis FA + GA / Sitzkreis FA + GA / Sitzkreis FA + GA / Sitzkreis FA + GA / Sitzkreis
Pause Pause Pause Pause Pause
Frühstück Frühstück Frühstück Frühstück Frühstück
ca. 10 bis 11.30 Uhr GA / Klassenrat GA / Klassenrat GA GA GA / Schulfeier
ca. 10.30 bis 11.45 Uhr Pause Pause Pause Pause Pause
ca. 10.45 bis 12 Uhr FS / Tischdienst
Kurze Konferenz
GA / FS GA / FS GA / FS GA / FS
Mittag Essen + Zähneputzen
+ Tischdienst
+ Tagesabschlussrunde
Pause /Tischdienst Pause /Tischdienst Pause /Tischdienst Pause
Essen + Zähneputzen
+ Tischdienst
Essen + Zähneputzen
+ Tischdienst
Essen + Zähneputzen
+ Tischdienst
Wochenabschlussrunde
ca. 13 Uhr Pause oder schulfrei Pause Pause Pause schulfrei
Nachmittag bis 15.30 Uhr Freiwillige Arbeitsgemeinschaften / Teamsitzungen GA / FA / FS + Tagesabschlussrunde Schwimmen oder GA / FA / FS + Tagesabschlussrunde Wald + Tagesabschlussrunde evtl. Freiwillige Arbeitsgemeinschaften
Nachmittag 15.30 Uhr bis ca. 17 Uhr evtl. Freiwillige Arbeitsgemeinschaften evtl. Freiwillige Arbeitsgemeinschaften evtl. Freiwillige Arbeitsgemeinschaften

FA = Freie Arbeit mit Förderangeboten, teilweise auch in der Turnhalle
GA = Gelenkte Arbeit, teilweise in Projekten, teilweise Sport in der Klassengemeinschaft
FS = Freies Spiel im Haus oder Gelände

Perspektiven und offene Fragen für eine Weiterentwicklung der Ganztagsschule

Durch die Einführung der Altersmischung der Jahrgänge 1 bis 4 stoßen wir im Ganztag erneut auf die Fragen des Tagesrhythmus. Die Altersmischung 1 bis 4 führt nämlich zu einigen organisatorischen Problemen und neuen Blickrichtungen:

  • Der klassenübergreifende Fachunterricht Englisch (getrennt für die Jahrgänge 3 und 4) findet statt, wenn der Stundenplan der drei Englischlehrerinnen der Schule in Koordination mit anderen Schulbedürfnissen dies ermöglicht. Wie kann dennoch die Klassengemeinschaft ohne große Störung weiter arbeiten, wenn ein Teil der Kinderwegen des Fachunterrichts die Klasse verlassen muss? Wann ist somit der beste Zeitpunkt für die beiden Englischstunden?
  • Der Sportunterricht kann in Teilgruppen zusammen mit einer Patenklasse als Doppelstunde stattfinden. Parallel dazu ist freie Arbeit mit dem Teil der Klasse, der zzt. nicht zum Sport geht. Die Koordination mit der Patenklasse erfordert weitere Absprachen über das engere Klassenteam hinaus. Wie wird hier Unterricht in Abteilungen vermieden, damit die Rhythmik des Tagesablaufs nicht gestört ist?
  • Für besonders leistungsstarke Kinder bietet die Altersmischung durch die Vorbildfunktion der älteren Mitschüler enorme Lernchancen. Jedoch haben die Ältesten (Viertklässler) selber im letzten Grundschuljahr »kein Vorbild«, und besonders die leistungsstarken
    Viertklässler brauchen Herausforderungen, die den engen Rahmen der Klasse sprengen. Welche Formen des »Freien Forschens« (z. B. Erkundungen außerschulischer »Lernorte«) können wir erproben? Ziel ist besonders die »Stärkung der Stärken«. Der Ganztag bietet durch seinen erweiterten Zeitrahmen mehr Möglichkeiten für solche Förderungen und trägt somit zur Qualitätssteigerung des Unterrichts bei.
  • Die Integration möglichst aller Kinder des Stadtteils in die Regelschule gelingt dann am nachhaltigsten, wenn auch das Personal über Jahre im selben Team bleibt und eine effiziente Kooperationsbasis aufgebaut werden kann. Seit einigen Jahren wird schulintern an einem Konzept gearbeitet, das die Gleichverteilung des sonderpädagogischen Personals auf alle Klassen vorsieht. Die Wunschvorstellung von einer als »inklusiv« bezeichneten »Pädagogik der Vielfalt« konkretisiert sich in der Forderung nach einer pauschalen Stellenzuweisung von Sonderpädagogen für die Brennpunktschule, damit Planungssicherheit besteht und sich somit verlässliche Beziehungen in Klassen und Teams entwickeln können (vgl. STÄHLING 2004b; 2006).

Fazit

Die Grundschule Berg Fidel ist eine »inklusive« Ganztagsschule im sozialen Brennpunkt, die auf die Herausforderungen durch die Kinder auf besondere Weise reagiert:

  • durch verlässliche, rhythmisierte Strukturen über den gesamten Schultag hinweg,
  • durch feste multiprofessionelle Teams, die jeweils für eine Klasse zuständig sind,
  • durch eine klare Raumzuordnung, die jeder Klasse die Verantwortung für ihre zwei Räume gibt,
  • durch altersgemischte Klassen mit den Jahrgängen 1 bis 4,
  • durch die wohnortnahe Integration förderbedürftiger Kinder (»Inklusion«),
  • durch eine zuverlässige Gesprächskultur im Klassenrat.

Diese Merkmale sind die soziale Basis für die Entwicklung aller Kinder. Sie ermöglichen jedem Kind in dieser Schule, zu einer Arbeitshaltung zu finden. Deutliche Qualitätsentwicklungen durch eine solche GanztagsTeamschule sind zu erkennen.

Und wie finanziert man eine solche gebundene Ganztagsschule?

In den Ganztagsklassen sind Kinder integriert, die sonderpädagogische Förderung brauchen. Einige dieser Kinder müssten, wenn sie in einer Vormittagsschule wären, die Unterstützung der heilpädagogischen Tagesstätten in Anspruch nehmen. Die Kosten für die Kommune lägen dann wesentlich höher als die Zuschüsse für eine gebundene Ganztagsschule.

Die Stadt Münster finanziert den Hauptanteil der Ganztagsschule, zumal der 20% Ganztagszuschlag des Landes NRW nur täglich eine weitere Stunde über die Regelschule hinaus abdecken kann. Das Geld der Kommune ist sinnvoll investiert, und es wäre zu überlegen, ob nicht weitere pädagogische Fachkräfte (aus den sozialen Diensten oder Freizeiteinrichtungen) in die Arbeit der ganztägigen Teamschule integriert werden können.

Das hier dargestellte Modell ganztägiger Erziehung lässt sich auf andere Städte übertragen. Es ist finanzierbar, wenn kommunale Gelder für Kinder in sozialen Brennpunkten in die Unterhaltung solcher Ganztagsschule umgeschichtet werden.

Anmerkung

Diese Art gebundener Ganztagsgrundschule war bereits viele Jahre zuvor unter der Leitung von GERTRAUT GREILING in einem anderen Stadtteil Münsters verwirklicht worden und unter dem Namen »Gievenbecker Modell« deutschlandweit bekannt geworden: die Wartburgschule.

Literatur

STÄHLING, REINHARD: Leben und Lernen im Ganztagszweig. Videofilm für Eltern und Mitarbeiter der Grundschule Berg Fidel über das Leben und Lernen im ersten Schuljahr des Ganztagszweigs. Universität Münster: Zentrum für Wissenschaft und Praxis. Abteilung für Audiovisuelle Medien 1993
STÄHLING, REINHARD: Teamarbeit im Ganztagszweig. In: BURK, KARLHEINZ: Teamarbeit in der Grundschule. Frankfurt: Arbeitskreis Grundschule 1995, S. 76–81
STÄHLING, REINHARD: Unter westfälischen Eichen. Kelkheim: Ilma 2002a
STÄHLING, REINHARD: »Wir sind ständig auf Klassenfahrt« – Ein übertragbares Modell ganztägiger Erziehung in der Grundschule. In: neue deutsche schule 54. Jg, H. 9/ 2002b, S. 22–23
STÄHLING, REINHARD: Der Klassenrat – eine Fortführung reformpädagogischer Praxis. In: KARLHEINZ BURK, ANGELIKA SPECK-HAMDAN, HARTMUT WEDEKIND (Hrsg.): Kinder beteiligen – Demokratie lernen? Frankfurt/M.: Arbeitskreis Grundschule 2003, S. 197–207
STÄHLING, REINHARD: Schulqualität oder: Lob des Fehlers. In: Grundschulverband aktuell, H. 88/ 2004a, S. 7–10
STÄHLING, REINHARD: Multiprofessionelle Teams in altersgemischten Klassen. Ein Konzept für integrativen Unterricht. In: Die Deutsche Schule 96. Jg.,H.1/2004b,S.45–55
STÄHLING, REINHARD: Teamarbeit inklusive. In: CHRISTIANI, REINHOLD (Hrsg.): Jahrgangsübergreifend unterrichten. Berlin: Cornelsen 2005, S. 48–53 STÄHLING, REINHARD: »Du gehörst zu uns« – Inklusive Grundschule. Ein Praxisbuch für den Umbau der Schule. Hohengehren: Schneider 2006

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Gesammelte Lehrerfragen zu Vergleichsarbeiten

Diskussionsforum zu VERA

Diskutieren sie mit: www.grundschulverband.de

Wer in Vergleichsarbeiten den letzten Monaten mit offenen Ohren durch die Lehrerzimmer ging, konnte so manche kritische Frage zu den Vergleichsarbeiten VERA aufschnappen. Die Fragen kommen auch von denen, die sich mit den umfangreichen Hinweisen der Landauer Forscher auseinander gesetzt haben. Meist hinter vorgehaltener Hand werden die wichtigsten Bemerkungen gemacht. Ich habe sie in Pausen und anderen Gesprächen aufgeschnappt, gesammelt und an anderer Stelle Antworten gesucht (Vgl. STÄHLING 2005b):


1. Wer erfand die Vergleichsarbeiten?

Haben die Forscher einige Lehrer zu Rate gezogen, als sie VERA gebaren?

Waren auch berufserfahrene »Schulmeister«, die als Klassenlehrer in der Grundschule Deutsch und Mathematik unterrichten, Geburtshelfer der VERA?

Falls ja, übernehmen diese Kollegen die Verantwortung für ihr Tun?

Ist den Forschern die Sicherung durchgeknallt, als sie die Möglichkeit erhielten, die Testdaten von Millionen Schülern eines Jahrgangs erheben zu dürfen?

Von wem kam das Geld für dieses aufwändige Projekt?

»Wes’ Brot ich ess, des’ Lied ich sing …«

Gibt es einen Schulbuchverlag, der mit den Vergleichsarbeiten kein Geschäft macht?

Merkwürdig: in einer Zeit, in der Großkonzerne die Belegschaft reduzieren und dabei die Gewinne steigern, beginnt sich die Forschung für den »Output« von Schule zu interessieren.

2. Der innerschulische Vergleich ist erwünscht, sagen die Väter der Vergleichsarbeiten –
Wer oder was wird verglichen?

Lehrerleistungen oder Schülerleistungen? Die Punktzahlen eines schwachen Schülers mit den Leistungswerten eines starken?

Die Arbeitsergebnisse von Kindern, die zuvor Aufgaben dieses Typs geübt hatten?

Gefälschte Daten eines Schülers mit denen eines anderen?

Die Anzahl der Kreuze an der richtigen Stelle, obwohl die Kinder die Aufgaben noch nie zuvor bearbeitet hatten und unvorbereitet nicht lösen konnten?

Haben Sie denn nicht geholfen, wenn ein Kind gar nicht wusste, worum es ging?

3. Wer vergleicht und was kommt heraus?

In den Büchern steht, dass die Lehrer es selbst tun.

Gibt es nicht einige Lehrkräfte, die Angst bekommen, wenn ihre Schüler wenig Punkte bekommen?

Üben Eltern sofort nach der Lektüre einiger Beispielaufgaben, die in der Tageszeitung zu finden sind, das Notwendige?

Und was üben die Lehrer dann?

An wen werden die Ergebnisse weiter geleitet?

Erfüllt der Schulaufsichtsbeamte seine Pflicht, wenn er den Daten der Vergleichsarbeiten keine Konsequenzen folgen lässt?

Wohin gehen am Abend, wenn die Ergebnisse in der Schulkonferenz der Öffentlichkeit preisgegeben werden, die Eltern? In den Büchern steht, dass es kein Ranking von Schulen gibt.

Wer verbietet den Eltern verschiedener Schulen, sich über den jeweiligen »Output« auszutauschen?

Wie ruhig ist der Mittagsschlaf des Lehrers, der als Schlusslicht der Schule enttarnt wurde?
Sollte dessen Ruhe und Gelassenheit nun ein Ende haben?

Was geschieht den »schwachen« Schülern, die dem Lehrer den »Schnitt« kaputt gemacht haben?
Gehören sie noch in diese Schule oder müssen sie in die Sonderschule? (vgl. STÄHLING 2005a)

4. Welches Bild vom Grundschullehrer haben die VERA-Forscher?

Lehrer haben ihre Aufgaben nicht ordentlich gemacht?

Sie fürchten den Vergleich?

Sie unterrichten ohne Ziel?

Sie prüfen nicht nach? Sie wissen nichts von der Lernausgangslage ihrer Schüler?

Sie haben – medizinisch gesprochen – die Diagnose nicht gestellt und blind eine Therapie begonnen?

Sie begehen »Kunstfehler«?

Deswegen sind also Mindeststandards von Staats wegen notwendig?

Vielleicht brauchen Lehrer mehr unbescheidene Ratschläge von Forschern, die keine Berufserfahrung mit dem Alltag in Grundschulen haben!?

Wem gelten die Vergleichsarbeiten?

Den faulen Säcken?

5. Wie lernt ein Kind im 3. oder 4. Schuljahr aus Sicht der VERA-Experten?

Lernt es besonders gerne, wenn die Stoppuhr den Taktstock schwingt?

Lernt es, weil es schlechte Zensuren fürchtet?

Lernt es, wenn die Eltern dahinter sitzen? Lernt es besonders gut unter Stress?

Oder ist das Gegenteil der Fall?

Was können die Kinder unter Klausurbedingungen schaffen?

Können sie auch ohne Vorbereitung und Übung unbekannte Aufgaben ohne Hilfe und Ermutigung bewältigen?

Sind 100 Jahren Reformpädagogik genug? – Muss Schluss sein mit der »Idealisierung und Romantisierung« des Kindes?

Reformpädagogische Praktiken wie »Freie Arbeit« oder »kindgerechte Umgebung« lenken viele Kinder vom Lernen ab?

Alle 10 Jahre eine neue pädagogische Modewelle?
Wer bezahlt die Spesen? So viele Fragen.

»Immer so durchgemogelt« ist der Titel eines Buches, in dem WALTER KEMPOWSKI (1974) Antworten gesammelt hat, die ihm Erwachsene auf die Frage »Was blieb von der Schulzeit?« gegeben hatten. Die Befragten erinnerten sich u.a. an mehr oder weniger erfolgreiche Täuschungsversuche. Das Phänomen des Täuschens könnte man als Bestandteil von Schule bezeichnen. Ein anderes Phänomen gehört ebenso zu den Schul-Tabus: die Täuschung über das, was im Schulalltag wirklich stattfindet und welchen »Output« die Schule tatsächlich erbringt.
Da inzwischen die Bildungsforschung in aller Munde ist, könnte der Eindruck entstehen, dass in Zeiten von PISA qualifizierte Forschung in schulen zum Alltag gehörte. Es kommen Zweifel auf (vgl. z.B. die Beiträge in: Grundschule aktuell 1/2005 und Grundschule 3/2005).

Wenn sich Forscher bei der Datenerhebung im wettbewerbsorientierten deutschen Schulsystem bei Lehrern, Eltern und Schülern auf das Zurückstellen eigener Wünsche und Absichten verlassen, ignorieren sie in ihren Analysen das Selektionsprinzip unseres Bildungswesens. Ihre Schlussfolgerungen sind leider unbrauchbar, weil sie im Elfenbeinturm entwickelt wurden.

REINHARD STÄHLING
Grundschulleiter, Münster

Literatur

KEMPOWSKI, WALTER 1974: Immer so durchgemogelt. Erinnerungen an unsere schulzeit. Hamburg: Knaus
STÄHLING, REINHARD 2005a: Der aufhaltbare Abstieg des »schwachen« Schülers in Deutschland. Bildungsbenachteiligung im Schnittpunkt von Schule und Jugendhilfe. In: Die Deutsche Schule, 97, 2005, 1, S. 67–77
STÄHLING, REINHARD 200515: Qualitätsentwicklung statt vergleichsarbeiten. Zu einem unfruchtbaren Verhältnis von Forschung und schule. In: Die Deutsche Schule, 97,2005, 2 (Mai)

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Schulqualität oder: Lob des Fehlers

Das Schlimmste ist nicht: Fehler haben, nicht einmal sie nicht bekämpfen ist schlimm. Schlimm ist, sie zu verstecken.
BERTOLT BRECHT

Serkan besucht »in Berg Fidel« eine Ganztagsklasse. Er lebt und lernt vier oder fünf Jahre zusammen mit seinen Mitschülern und hat die selben erwachsenen Bezugspersonen. Wenn Serkan morgens die Klasse betritt, sieht man, dass er wieder erst um Mitternacht ins Bett gekommen ist. Er hat mit Vater zusammen vor dem Fernseher gesessen. Mutter hat es nicht geschafft, ihn ins Bett zubringen. So muss er erst mal auf den »Lesehimmel« und sich ausruhen. Im Wechsel von Spannung und Entspannung, von Spiel und Arbeit findet Serkan seinen eigenen Rhythmus in der Gruppe. Ein 45-MinutenTakt wäre undenkbar, ein Störfaktor.

Mit Serkan zusammen besuchen mehr als 200 Kinder aus 22 Nationen die Schule. Kinder aus den Jahrgängen 1–4 lernen zusammen in derselben Klasse. Die Klassen haben Namen von Tieren oder Pflanzen. Serkan ist 9 Jahre alt und lernt langsamer als viele seines Alters, aber er ist kein »Schlusslicht«. Und sitzen bleiben kann er auch nicht. Er betreut sogar Maxi, sein Patenkind, das gerade in die Klasse gekommen ist. Schon im Kindergarten war er mit dem kleinen Maxi in derselben Gruppe und hatte sich gut mit ihm verstanden. Maxi war bereits im Mai zu einem Schulbesuchstag in Serkans Klasse gekommen. Als Serkan selbst noch Erstklässler war, hatte er noch viel Angst. Inzwischen ist er besonders eifrig, wenn es darum geht, Maxi die Furcht vor dem Wald zu nehmen. Maxi war nämlich noch nie im Wald und glaubt dort auf Tiger und Schlangen zu stoßen.

Für Serkan und seine 24 Klassenkameraden zwischen 5 und 12 Jahren ist ein »multiprofessionelles Team« zuständig. Die Klassenlehrerin, eine Sonderpädagogin, eine Erzieherin und studentische Mitarbeiter fühlen sich für die Kinder zwischen 7.45 Uhr und 15.30 Uhr verantwortlich. Kein Erwachsener steht mit seiner schweren Aufgabe alleine. Die Arbeit wird in wöchentlichen Teamsitzungen koordiniert. Alle sechs Wochen nutzten die Mitarbeiter dieser Klasse eine Teamsupervision.

Serkan ist kein Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf, aber in seiner Klasse leben und lernen zwei »lernbehinderte« Kinder, ohne dass Serkan dies weiß und sie als »Sonderschüler« etikettieren würde. Der »gemeinsame Unterricht« ist orientiert an einer »Pädagogik der Vielfalt« (vgl. HINZ 2002). Jedes Kind, das in die Ganztagsklasse kommt, wird vor Schulbeginn von der Erzieherin der zukünftigen Klasse zu Hause besucht.

Serkan kennt die Regeln seiner Klasse ganz genau. Sie wurden mit den Kindern gemeinsam im Klassenrat festgelegt. Und Serkan war es, der Maxi die Regeln der Bewegungsbaustelle in der Turnhalle genau erklärt hat. Wenn er – wie manchmal – gegen Schulhofregeln verstößt, kann er mit einer konsequenten Reaktion rechnen, denn die Schulklasse hat dies mit ihm verabredet. Darüber wird nicht lange diskutiert, weil vorab die Konsequenzen klar sind. Oft hat Serkan Streit mit anderen Kindern. Dann geht er wutschnaubend zum Klassenratbuch, trägt ein, was ihm der andere getan hat – und sein Ärger verfliegt meist erstaunlich schnell. Einige Tage später ist Zeit für ein ausführliches Gespräch im Klassenrat. Mit großen Augen verfolgt auch Maxi, wie sein Pate sich wieder mit dem Widersacher verträgt. In diesem wohl wichtigsten Gesprächskreis geht es um Probleme in der Klassengemeinschaft. Deshalb sollten auch immer alle Kinder der Klasse dabei sein. Anders als beim »Streitschlichterverfahren« helfen alle mit, das Problem zu lösen.

Serkan weiß auch, was heute auf dem Programm steht. Vor Überraschungen ist man zwar nie sicher, aber selbst die sind keine Katastrophe. Wichtig für Serkan ist, dass er über möglichst alle Vorhaben des Tages bereits morgens im Sitzkreis informiert wird. Er ist durchaus in der Lage, Tätigkeiten zu bewältigen, die er nicht mag, wenn er zuvor erfahren hat, was auf ihn zukommt.

Die Klassenlehrerin sagt, dass effiziente Klassenführung als Faktor der Unterrichtsqualität von großer Bedeutung ist (vgl. HELMKE 2003). Dies gilt auch und gerade – allen Unkenrufen zum Trotz – für den offenen Unterricht. Manchmal bringen unsere Kinder Besucher zum Staunen, weil – trotz oder gerade wegen der »freien Arbeit« – eine auffallend stille Arbeitsatmosphäre herrscht. Allerdings kann die Klassenlehrerin eine Tatsache nicht recht erklären, nämlich, wie es möglich war, dass Maxi, das Patenkind von Serkan, bereits nach zwei Monaten lesen gelernt hat. Zumindest beteuert sie, dass weder die russischen Eltern noch sie als Lehrerin sich darum ausdrücklich gekümmert haben. Auf folgende Arbeitsformen würde die Klassenlehrerin nicht verzichten. Sie sind besonders effizient für die Klassenführung und auf andere Klassen übertragbar. Die Kinder lernen in so strukturierten Lernprozessen sehr viel unbeschwerter als in Lernsituationen, in denen sie in die passive Rolle gedrängt werden:

  • Flexibler Schulbeginn in der Klasse.
  • Fester »Sitzkreis« bestehend aus 4 Bänken, die im Quadrat vor der Tafel platziert sind und ständig zur Verfügung stehen.
  • An jedem Morgen: Sitzkreis mit der Vorstellung des Tagesplanes, der an der Tafel notiert ist. Die Kinder haben dabei natürlich ein Mitspracherecht.
  • Am Ende einer Arbeitsphase und zum Schulschluss: Rückblick auf die Lernprozesse, die Erfolge, die Sorgen u.a. immer haben die Kinder das Wort. Erwachsene halten sich zurück und lernen mit Fehlern tolerant umzugehen.
  • Gesprächsregeln für den Sitzkreis, deren Einhaltung konsequent eingefordert wird.
  • Freie Arbeit, teilweise mit individuellen Wochenplänen, die mit dem Kind gemeinsam verabredet und aufgeschrieben werden.
  • Auch ein »Lerntagebuch« könnte die Arbeit des Kindes begleiten. Kind und Lehrer führen darin eine Art von Briefwechsel über den Lern prozess des Kindes.
  • Klassenbriefkasten: jedes Kind und jeder Erwachsene hat ein kleines Brieffach oder einen Kasten, wo Briefe hineingelegt werden können.
  • Gelegenheit zum Tagebuchschreiben
  • »Geschichtenzeit«, in der alle – auch Erstklässler – sich vertiefen in eigene Gedanken, Träume und Phantasien. Die Kinder schreiben freie Texte und malen Bilder dazu, ohne jeden Leistungsdruck. Rechtschreibung ist dabei niemals Hauptsache! Herausragende Geschichten können in der Schülerzeitung veröffentlicht werden. Auch das Vorlesen der Kindertexte im Sitzkreis wird sehr gewünscht.
  • »Lesezeit«, in der Kinder nichts anderes tun als Bücher zu genießen. Praktikanten lesen in dieser Zeit einzelnen Kindern vor, andere schmökern alleine in allen Ecken und Verstecken der Klasse.
  • Ablagekörbe oder Hänger für die Arbeitsmaterialien, an denen das Kind am nächsten Tag weiter arbeiten möchte.
  • Dienste der Kinder: An einer Pinnwand hängen die Namen der Kinder. Jedes Kind kann freiwillig für mindestens eine Woche einen Dienst übernehmen: z. B. Fische füttern, Tafel putzen, Spiele oder Bücher ordnen, Pausenspiele verteilen u. a. Die Kinder arbeiten nach Bedarf meist in Pausen mit großer Begeisterung an diesen Aufgaben.
  • Freies Forschen an selbst gestellten Fragestellungen, z. B. Was macht die Feuerwehr? Eine Kleingruppe plant selbstständig einen Besuch bei der Feuerwehr, bereitet ein Interview vor und fährt alleine – bewaffnet mit Rekorder, Busplan und Kleingeld – mit dem Bus dorthin. Nach wochenlanger Arbeit tragen die Kinder der ganzen Klasse vor, was sie erfahren haben. Äußerst spannend und unvergessen – auch für die Lehrerin, die natürlich auch schon mal zittert, wenn sie die Kleingruppe alleine gehen lässt.

Bei allem Respekt vor diesen Arbeitsformen und -strukturen gilt aber auch hier zuallererst: Schulqualität basiert auf Menschlichkeit: Nur wo sich jemand emotional angenommen fühlt, hat erden Kopf frei für forschendes Lernen. Nur wer die Erfahrung gemacht hat, dass es keine Katastrophe ist, wenn Probleme auftauchen, wird seine Schwierigkeiten einbringen können und vielleicht auch den Mut haben, neue Wege zu gehen. Nur wenn sich Kinder angenommen fühlen, können sie sich auf glattes Eis wagen. Nur wer weiß, dass er aufgefangen wird, kann sich fallen lassen. Die Konsequenz lautet: Mut zum Fehlermachen ist zu kultivieren.

Die dargestellte Arbeit der Grundschule Berg Fidel bildet einen guten Nährboden für ein reiches Wachsen. In dieser Schule machen wir alle zusammen viele Fehler. Das ist unsere Hauptbeschäftigung, wenn man es nüchtern betrachtet! Denn was wäre, wenn wir als Ziel formulieren würden, dass alle sich bemühen sollten, keine Fehler zu machen? Es entstände eine Atmosphäre des Perfektionismus, die die gesamte Energie verschlingen würde. Wer Fehler vermeiden will, macht neue. Er verkrampft sich, kämpft an der falschen Stelle, er leidet unter nicht erreichten Zielen und Erwartungen. Er kann es nicht genießen, dass irgendetwas, was anfangs schwierig aussieht, nachher leicht wirkt. Das Überwinden von Schwierigkeiten ist ein großes Vergnügen. Beschämen durch Verweisen auf Fehler wirkt dagegen entmutigend.

Fehler gehören zu jedem Lernvorgang. Obwohl der Fehler unausweichlich ist und sogar als Voraussetzung für Lernprozesse gilt, wird er in unserem Schulwesen eher als Selektionsinstrument missbraucht:

Dort herrscht vielfach der Vergleich vor. Man vergleicht die Leistungen der Schüler untereinander, aber auch die Lehrer, sogar ganze Schulen werden verglichen, obwohl keine nachprüfbaren Kriterien bekannt werden können. Dies kann zu Wettkampf führen, zum Ausstechen, schließlich zum Fehlersuchen, besonders beim anderen. Fehler nützen dann nicht der Information und lustbetonten Auseinandersetzung, sondern sie gelten als Maßstab für schlechte Leistung, als sackgassenartige »Fehl-Leistung«. Die Fehlerzahl gilt als Auswahlkriterium, als scheinbar verlässliches, messbares Kriterium der Selektion. Nur durch vermeidung von Fehlern und Fehl-Leistungen meint man einem Versagen zu entkommen. Es entsteht der Eindruck, Schüler gingen in die Schule, um zu lernen, weniger Fehler zu machen. Der Lehrer in einem solchen System hetzt sich selbst.

Wie viel pädagogische Anstrengungen sind erforderlich, um in einem solchen auf Selektion zielenden schulwesen entdeckendes Lernen, forschendes Experimentieren und Mut zur Unvollkommenheit zu fördern? Das überfordert die Lehrer.Ich wünschte uns Grundschulleuten den Mut zum Widerstand gegen derartige Überforderungen wie Vergleichsarbeiten, die zudem eigentlich nicht an uns adressiert sein können. Wer hat denn in den 70er- bis 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts in deutschen Schulen die pädagogischen Arbeits- und Organisationsformen so vorbildlich entwickelt, dass wir heute in den Grundschulen den Vergleich mit den PISA-Siegern nicht zu scheuen brauchen? Wer hat denn in Deutschland die Schulen vorzuweisen, für die sich sogar das Ausland interessiert? Wer hat denn die Schule so gestaltet, dass Eltern und Kinder mit Freude in die Gebäude gehen, wo Blumen und Tiere gepflegt werden, Kreativität blüht und auch mal ein Kind in den Arm genommen wird? Ohne die herausragenden Leistungen der vielen engagierten Grundschulleute wäre die Schullandschaft in Deutschland recht trostlos. Die Grundschulen haben bewiesen, dass sie Höchstleistungen erbringen. Zahllose wissenschaftliche Veröffentlichungen belegen dies. Jede Vergleichsarbeit, jede am grünen Tisch entwickelte Vorschrift zur übereilten Umgestaltung der Grundschule ist ein Schlag ins Gesicht der Kolleginnen und Kollegen. Kinder und Erwachsene brauchen stattdessen Ermutigung zur Weiterentwicklung – und Ruhe zum Wachsen!

Eine kreative Schulentwicklung verträgt sich aber nicht mit den vielen eiligen Maßnahmen, die angeblich nach PISA angestoßen werden mussten: Vergleichsarbeiten, Standards, Schulprogramme, Schuleingangsphase – alles dies soll unter irrationalem Zeitdruck in möglichst allen Grundschulen umgesetzt werden (»Auf welcher Baustelle arbeiten Sie gerade, Frau Kollegin?«)! Es entsteht der Eindruck, als müssten die Grundschullehrerinnen und -lehrer dafür bluten, dass in der Sekundarstufe bei 15-jährigen Schülern enorme Leistungsdefizite festgestellt wurden. Die Schulpolitik hat scheinbar nicht gelernt, mit Fehlern sinnvoll, lustvoll und gewinnbringend umzugehen.

Wenn unsere Schulen »Treibhäuser der Zukunft« (REINHARD KAHL) werden sollen, muss es darum gehen, das Menschliche in den Schulen zu lassen.

Welche pädagogischen Merkmale hat eine Schule, die Menschlichkeit wachsen lässt? Welche Wachstumsbedingungen müssen in diesen »Treibhäusern« bestehen?

Im sozialen Brennpunkt »Berg Fidel« in Münster, wo Serkan zur Schule geht, finden sich einige dieser Wachstumsbedingungen, die Menschlichkeit gedeihen lassen. Sie lassen sich unter dem Motto »Schule der Vielfalt« (Grundschulkongress 1999) zusammenfassen. Dazu gehört sehrviel Mut: Mut, Fehler zu machen und die daran anschließende – nicht immer wohlmeinende – Kritik auszuhalten. Wenn das normale, fehlerbehaftete Leben in die Schule geholt wird, dann müssen wir uns weniger Sorgen um die Ermutigung von Kindern machen. Zum »Leben«, das ermutigend wirkt, gehört mit Sicherheit nicht die Pädagogisierung des Miteinander. Wir können aber Rahmenbedingungen schaffen, in denen viele Ermutigungschancen liegen. In unserer Schule sehe ich ständig Kinder, die sich gegenseitig unterstützen, ohne dazu aufgefordert worden zu sein. Sie lernen eben in altersgemischten Klassen – da passiert das automatisch –, wenn nicht ein Perfektionist aus Angst vor dem Fehlermachen durch Über-Planung die Chancen solchen Erlebens einschränkt.

KORCZAK, der große polnische Pädagoge und Arzt, schrieb Tagebuch. Der Umgang mit seinen eigenen »Schwächen« als Erzieher, das »Fehlermachen« der Erwachsenen und das Reflektieren darüber können wir bei KORCZAK lernen (siehe Kasten). Und wir lernen von ihm und anderen Kollegen, indem wir sehen, dass woanders »auch nur mit Wasser gekocht wird«.

Sind Fehler – auch die der Pädagogen – ein Zeichen für schlechte Qualität? Lernen wir weniger gut, weil wir Fehler machen? Mindert etwa die von KORCZAK beschriebene Ungeduld der Erzieher die Qualität der Erziehung? Ist es nicht eher ein Zeichen von Menschlichkeit, dass so etwas vorkommt, auch wenn es keiner will? Und weiche Höchstleistung finden wir dort, wo jemand über sein Verhalten reflektiert und versucht zu verstehen, was in dem Menschen vorgeht?

In einer Schule, in der Fehler gemacht werden dürfen, in der Schüler Mut zum Ausprobieren entwickeln, müssen auch die Erwachsenen Fehler machen. Meine These: Ein lustvoller Umgang mit Fehlern ist eine Bedingung für hohe Schulqualität. Die empirische Forschung zur Qualität von Schule hätte hier ein großes Aufgabengebiet zu bewältigen.

REINHARD STÄHLING

»Ein weiblicher Zögling von vierzehn Jahren, mit schlechter Beurteilung. Ohne anzuklopfen geht sie in die Kanzlei, um als Diensthabende die Scheibe mit dem Lappen zu putzen. Zu allem Übel schlägt sie die Tür laut zu. Sie wird heruntergemacht. Die nervösen Erzieher kennen solche Ausbrüche, die ehrlichen schämen sich ihrer und fürchten sie. So mit Worten prügeln, so einen Menschen schnöde behandeln – das vermag nur pathologische Ungeduld: Drohung, Schimpfworte, aufstachelnde Ermahnungen, boshafte Invektive. – Du hast das absichtlich gemacht, du bist so und so eine, ich werde dich so und so anfassen, du denkst ich habe das und jenes vergessen.
Zur Antwort ein Blick – nicht dreist, nicht ängstlich, nicht gleichgültig, eher verwundert. – Was ist geschehen? – Mach dich sofort weg.
Nach einigen Augenblicken trifft man sie am Ende des Korridors, den Blick durchs Fenster gerichtet. Daneben auf dem Fenster eine Schüssel mit Wasser und der Wischlappen! Vorsichtig, als Mittler, trete ich zu ihr.
– Ärgere dich nicht, das Fräulein ist müde, sie fühlt sich nicht wohl. Man darf die Türen nicht zuschlagen. – Ich habe es nicht gewusst. – Na eben, entschuldige dich. Man muss Türen behutsam zumachen. – Was für Türen? Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. – Du hast einen Rüffel bekommen. – Ich? Wann? – Eben erst, in der Kanzlei. – Ich weiß es gar nicht mehr.
Und mit matter Stimme, eher ein Bekenntnis zu sich selbst: – Ich habe alles so dick, mir ist alles so egal. Sie denken wohl, ich tue nur so? – Ich habe wirklich nicht gemerkt, dass die Tür zuschlug. Ich ärgere mich gar nicht. Ich weiß nicht mehr, was man zu mir sagt.
Dieser Blick, diese Stimme – Erzieher müssen sie kennen.« (JANUSZ KORCZAK 1938/39, S.32)

Literatur
HELMKE, ANDREAS 2003: Unterrichtsqualität. Seelze: Kallmeyer
HINZ, ANDREAS 2002: Von der Integration zur Inklusion – terminologisches Spiel oder konzeptionelle Weiterentwicklung. In: Zeitschrift für Heilpädagogik, 53, 9, S. 354–361
KORCZAK, JANUSZ 1938/39:Verteidigt die Kinder! Gütersloh 1978: Mohn
STÄHLING, REINHARD 2002: »Wir sind ständig auf Klassenfahrt« – Ein übertragbares Modell ganztägiger Erziehung in der Grundschule. In: neue deutsche schule, 54, 9, S. 22–23
STÄHLING, REINHARD 2003: Der Klassenrat – eine Fortführung reformpädagogischer Praxis. In: KARLHEINZ BURK, ANGELIKA SPECK-HAMDAN, HARTMUT WEDEKIND (Hrsg.): Kinder beteiligen – Demokratie lernen? Frankfurt/M.: Arbeitskreis Grundschule, S. 197–207
STÄHLING, REINHARD 2004: Multiprofessionelle Teams in altersgemischten Klassen. Ein Konzept für integrativen Unterricht. In: Die Deutsche Schule, 96, 1, S. 45–55

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